Sport : Fans mit Sektglas

Fußball ist längst keine verrufene Subkultur mehr, sondern Mainstream – Eventfans in schicken, teuren Arenen bestimmen das Spiel. Das alles begann mit der Stadionkatastrophe von Hillsborough 1989

Sven Goldmann

Einige Spieler sehen in

Bierhoff nicht den Manager,

sondern den obersten Eventfan

Vor ein paar Wochen hätte sich Oliver Bierhoff beinahe für Hertha BSC geprügelt. Für ein reines Fußballstadion in Berlin, für die Erschließung neuer Kundenschichten, für ein am Bedarf ausgerichtetes Businessmodell.

Was, das wussten Sie nicht? Macht nichts, Oliver Bierhoff weiß es auch nicht. Hat es auch nicht gewusst, als er vor ein paar Wochen mit Michael Ballack aneinander geriet, direkt nach dem verlorenen EM-Finale von Wien. Als der Nationalmannschaftsmanager Bierhoff den Nationalmannschaftskapitän Ballack dazu aufforderte, locker lächelnd mit einem Dankeschöntransparent Richtung deutsche Fankurve zu tänzeln. Obwohl, was heißt schon Fankurve. Jeder echte Fußballfan würde sich wohl weigern, mit denen in eine Kurve gepfercht zu werden, denen Ballack seine Verbeugung erbieten sollte. Ein echter Fan erträgt Niederlagen einsam, er will, nein: kann in diesem Schmerz gar nicht getröstet werden, erst recht nicht mit Methoden, die in den Studios der PR-Berater ersonnen werden.

Bierhoff wollte sich mitnichten bei den Fans bedanken, sondern bei seinen Kunden, die da knapp drei Wochen lang dem deutschen Tross hinterher gereist waren. Ein Kunde will umgarnt werden, sonst kommt er beim nächsten mal nicht wieder. Ein Fan lässt sich nicht abschütteln, auch nicht von Niederlagen. Doch der klassische Fan, der mit seiner Mannschaft lebt und leidet, der klassische Fan hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren. Nick Hornby hat diesem Fan ein literarisches Denkmal gesetzt, mit „Fever Pitch“, dem wahrscheinlich besten Buch, das je über Fußball geschrieben wurde. Von Hornby stammt die These, dass Fußballfans mitnichten schönen Fußball sehen wollen, sondern ihre Mannschaft siegen. Dass sie nicht ins Stadion gehen, um sich zu amüsieren, sondern um zu leiden. Dass die 90 Minuten die schlimmsten der gesamten Woche sind.

Man kann sich den smarten Oliver Bierhoff schwer vorstellen im Dauerregen auf der Stehplatztribüne von Highbury, wo Nick Hornby jahrelang die Heimspiele seines FC Arsenal ertrug. Dazu hätte Bierhoff während seiner Profikarriere schon mal keine Zeit gehabt, weil er sich an der Fern-Uni Hagen zum Diplom-Kaufmann ausbilden ließ. Das Thema seiner Diplomarbeit war: „Die Bestimmung des Platzierungspreises von Aktien im Vorfeld einer Börsenneueinführung – eine vergleichende ökonomische Analyse am Beispiel des Börsenganges von Fußballvereinen.“ Das erklärt einiges, wenn nicht alles. Der allein für die Beschwichtigung der Öffentlichkeit beigelegte Konflikt Bierhoff contra Ballack war keiner zwischen einem Ex- und einem Noch-Sportler. Sondern der Gegensatz zwischen Fußball und Business, zwischen Old und New School. Es sind gar nicht so wenige Nationalspieler, die in ihrem Manager nicht mehr den Sachverwalter ihrer Interessen sehen, sondern den ersten Eventfan des Landes.

Was das alles mit Hertha BSC zu tun hat? Die Erkenntnis, dass der Fußball allein mit Fußball nicht mehr zu finanzieren ist. Es sind exakt die von Bierhoff in Wien umgarnten Event-Kunden, die Hertha BSC mit dem Stadionneubauprojekt für sich gewinnen will. Früher waren Fußballstadien unwirtlich und die Fans genauso verrufen wie der Sport, den sie anbeteten. Fußball stand für eine Subkultur, wie früher die Rolling Stones, aber auch die lassen sich ihre Touren mittlerweile von VW sponsern. Dieselben Leute, die heute mit VIP-Armbändern für den Sektempfang mit Mick Jagger Schlange stehen, sitzen heute in den Kurven der Fußballstadien.

Ja, sie sitzen und stehen nicht mehr, dürfen sie ja nicht. Dieses Signal ist aus England gekommen, der Heimat des Spiels, dem immer noch der Ruf von Kick and Rush anhaftet, auch wenn diesen Stil heute in England keiner mehr kennt. Es war eine Katastrophe, die England den Weg wies, die Katastrophe von Hillsborough, als beim Pokalspiel zwischen Liverpool und Nottingham zu viele Zuschauer ins Stadion durften, es gab eine Panik, an deren Ende 96 Tote und 730 Verletzte standen. Nach diesem 15. April 1989 begann erst England umzudenken und nach ihm der Rest der Welt. Fernziel aller Überlegungen war, in Fußballstadien nur noch Sitzplätze anzubieten. Das reduziert das Risiko und machte das Spiel in finaler Konsequenz akzeptabel für alle, die es schon vorher interessant fanden, aber Angst vor Randale hatten oder die Unbequemlichkeit der alten Stadien scheuten. Hillsborough schuf die Basis für den Eventfan.

Ganz langsam, mit schleichendem Einfluss, hat der Eventfan das Spiel interessant gemacht für das große Kapital. England bekam es zuerst zu spüren. Mit einer Liga, die besser ist als alle andere auf der Welt, in der aber kaum mehr ein Engländer spielt. Mit einem Fernsehvertrag, der alle vom Kartellamt gestoppten Überlegungen der Deutschen Fußball Liga wie eine Hommage an den deutschen Fan erscheinen lässt.

Die Statistik gibt all diesen Überlegungen Recht. Der 1. FC Köln ließ sich sein unwirtlich-hässliches Müngersdorfer Stadion zur für die WM 2006 zur schönsten deutschen Arena umbauen. Im Rheinenergiestadion zählten die Kölner in der vergangenen Saison in der zweiten Liga im Durchschnitt 44 000 Zuschauer, gegen Mannschaften wie Wehen Wiesbaden, Koblenz, Aue und Paderborn. In der letzten Erstliga-Saison vor dem Umbau waren es gegen Bayern, Schalke, Dortmund und Co., gerade 35 000. Eintracht Frankfurt kam in der vergangenen Saison in der Commerzbank-Arena auf durchschnittlich 48 000 Zuschauer. Im alten Waldstadion waren es in der letzen Bundesligasaison vor dem Umbau 29 000. Schalke 04 verzeichnete den schwächsten Zuschauerzuspruch der jüngeren Vergangenheit in der Saison 2000/2001, die in der Nachspielzeit mit dem Titel des Meisters der Herzen endete. Schon im nächsten Jahr kamen im Schnitt 62 000 Zuschauer in die neue Arena auf Schalke. Und auch der Hamburger SV war im alten Volksparkstadion alles andere als ein Publikumsmagnet. In der letzten Saison vor dem Umbau kamen durchschnittlich 33 000, aktuell sind es in der HSH-Nordbank-Arena 55 000.

Komfort zahlt sich aus. Die Entscheidungsträger von Hertha BSC wären mit dem Klammerbeutel gepudert, würden sie nicht die Möglichkeiten ausloten, die der Umzug in ein neues Stadion bietet. Davon spielt die Mannschaft nicht schöner, besser oder attraktiver, aber das war in Hamburg, Schalke, Köln und Frankfurt auch nicht der Fall. Dort aber goutiert der Fan eine angenehmere Atmosphäre, und er entlohnt sie mit der Währung, die zählt auf dem Markt: mit Dauerkarten und steigenden Besucherzahlen, die das Spiel unabhängiger machen von den sportlichen Gesetzen der Branche. Erfolgreich ist nicht mehr, wer gut kickt, sondern wer sich interessant macht.

Herthas klassische, dem Event nicht zugetane Fans können wenig anfangen mit dieser Idee. Sie erscheint ihnen als Verbeugung vor dem Kapital, als billige Entschuldigung für sportliches Versagen. Natürlich ist das alte (zur WM 2006 mit Steuergeld umgebaute) Olympiastadion Gift für ein stimmungsvolles Fußballspiel. Aber es ist irgendwie doch Heimat, gewachsen seit bald 50 Jahren. Die öden Stadien in Hamburg, Köln und Frankfurt sind allesamt Neubauten gewichen, das Parkstadion in Gelsenkirchen wird gerade abgetragen. Das Berliner Olympiastadion steht bis in alle Ewigkeiten unter Denkmalschutz. Und es erinnert die klassischen Fans an Berliner Sternstunden: an einen 4:1-Sieg über den FC Bayern mit Beckenbauers Eigentor, an das Uefa-Cup-Halbfinale gegen Roter Stern Belgrad, an ein 2:0 vor 70 000 Fans in der zweiten Liga gegen Kaiserslautern. Wer will schon seine Heimat aufgeben gegen einen Parkplatz mit Autobahnanschluss in Tempelhof, Dreilinden oder Oranienburg?

Viele Bundesligastadien ziehen nach dem Umbau deutlich mehr Zuschauer an als zuvor

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