Fast 80 Meter : Betty Heidler mit Hammerwurf-Weltrekord

Betty Heidler erzielt in Halle mit 79,42 Metern einen neuen Weltrekord im Hammerwerfen. Überrascht ist sie davon nicht – hinter ihr liegt ein langer Reifeprozess.

von
Ein bisschen Spaß muss sein. Die Hammerwerferin Betty Heidler lässt die Kugel kreisen, ohne dabei zu sehr zu verkrampfen.
Ein bisschen Spaß muss sein. Die Hammerwerferin Betty Heidler lässt die Kugel kreisen, ohne dabei zu sehr zu verkrampfen.Foto: dpa

Berlin - Die Kugel flog und flog und irgendwann, nach 77,19 Metern, bohrte sie sich in den Rasen. Die Zuschauer klatschten begeistert. 77,19 Meter, das war neuer deutscher Rekord, das war ein großer Triumph der Hammerwerferin Betty Heidler von der LG Frankfurt beim Leichtathletik-Meeting in Halle an der Saale. 77,19 Meter, damit hatte sie ihre eigene Bestmarke um sieben Zentimeter gesteigert. Gleich im ersten Versuch, ein furioser Wettkampfauftakt.

Nun fällt die Spannung ab, nun ist keine Steigerung mehr möglich. So ist das bei vielen Athleten.

So ist das nicht bei Betty Heidler. Bei der WM 2009 in Berlin rotierte sie im letzten Versuch, angetrieben von den Schreien der 50 000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion. Sie warf so weit wie noch nie bei dieser WM, so weit wie noch nie im ihrem Leben: 77,12 Meter. Sie gewann Silber.

Dritter Versuch in Halle an der Saale. Der Hammer flog und flog, er flog so weit, wie noch nie ein Frauen-Hammer auf dieser Welt geflogen ist. Er flog 79,42 Meter weit.

Weltrekord.

Weltrekord durch Betty Heidler, die alte Bestmarke ihrer langjährigen Rivalin Anita Wlodarczyk aus Polen um 1,12 Meter übertroffen. Wlodarczyk hatte damals, bei der WM 2009, Gold gewonnen.

79,42 Meter, was für ein furioses Highlight dieses Wettkampfs. Furios ist die Weite, aber dass Betty Heidler in diesem Jahr eine exzellente Weite erzielen würde, das war absehbar. Denn die Europameisterin Heidler von 2010 hat nichts mehr mit der Weltmeisterin Heidler von 2007 zu tun. Die Frau, die jetzt mit ihren feuerroten Haaren in den Ring stapft, die hat ihre innere Ruhe gefunden, die ist psychisch stabil, die wirft stabil. „Der Rekord war keine Überraschung“, sagte sie gestern den Reportern in Halle. „Ich war unheimlich locker gewesen. Das kommt aus der Sicherheit, die ich mir erarbeitet habe.“

Die Norm für die WM 2011 hatte die 27-Jährige mit 72,71 Metern schon im März abgehakt, ihren EM-Titel 2010 gewann sie mit 76,38 Metern und Saisonbestleistung. Vor der EM hatte sie schon in einem Tonfall, als würde sie beim Bäcker ein Brot kaufen, erklärt: „Ich will mindestens Zweite werden.“ Sie hatte ihre Form eingeschätzt und ihre Saisonbestmarke (75,82 Meter) taxiert. Der Rest war mathematisch-nüchterne Berechnung.

So geht Betty Heidler inzwischen in die Wettkämpfe. Ihr Trainer Michael Deyhle simuliert gerne psychischen Stress im Training. Dann telefoniert er mit großem Vergnügen, während sich neben ihm seine Athletin konzentriert. Die befiehlt sich in solchen Momenten: „,Lass dich nicht ablenken.“ Früher hätte sie ihm das Handy aus der Hand gerissen.

Früher litt sie unter den Folgen ihres WM-Titels. Er war zu schnell, zu überraschend gekommen. Sie hatte die Medaille, aber nicht die Stärke, ihre neue Rolle vernünftig auszufüllen. Sie hetzte von Empfang zu Empfang, von einem PR-Termin zum nächsten, „ich wusste ja nicht, ob ich so etwas noch mal erleben würde“. Aber bei diesem Stress brachte sie schon ein stumpfer Ring aus dem Konzept. Von effektivem Training keine Spur, Betty Heidler fiel ins Leistungsloch.

Und nur, weil sie sich aus diesem Tief mühsam herausarbeitete, weil ihr Trainer keine einzige Trainingseinheit mehr wegen irgendwelcher Termine verlegte, weil sie Banalitäten als solche einstuft, ist sie psychisch stabil geworden. Schon 2009 hat für sie die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2012 begonnen. „Mit jedem Jahr hat man einen Saisonhöhepunkt“, sagte sie nach ihrem EM-Sieg. Möglicherweise hat sie ihren Höhepunkt 2011 schon gestern erreicht.

Auf jeden Fall können sie in Werneuchen schon mal eine Torte backen. In Werneuchen wohnen ihre Eltern, nach der WM von Berlin feierte Betty Heidler mit ihnen und Freunden in einem Getränkemarkt ihre Silbermedaille. Auf dem Tisch eine Torte, liebevoll mit Zahlen dekoriert: 77,12. Ihre WM-Weite. Jetzt können neue Zahlen drapiert werden: 79,42.

0 Kommentare

Neuester Kommentar