Fast furios : Mittelgroßer Triumph für Schumacher

Sebastian Vettel rast trotz seines Fehlers in Kanada Richtung Formel-1-Titel – und Michael Schumacher fährt wie in alten Zeiten. Erstmals kämpften beide an der Spitze gegeneinander.

Karin Sturm
Vorgänger jagt Nachfolger. Zehn Runden vor Ende hing Rekordweltmeister Schumacher im Heck von Weltmeister Vettel.
Vorgänger jagt Nachfolger. Zehn Runden vor Ende hing Rekordweltmeister Schumacher im Heck von Weltmeister Vettel.Foto: p-a/Hoch Zwei

Zehn Runden vor Schluss ereignete sich beim Grand Prix von Kanada ein ganz besonderer Moment. Der Neustart nach der fünften Safetycar-Phase in einem der turbulentesten Formel-1-Rennen der letzten Jahre brachte das Aufeinandertreffen von Michael Schumacher und Sebastian Vettel hervor. Diesmal ging es nicht um eine Überrundung, sondern tatsächlich um die Führung. Der Altstar Schumacher versuchte einen Angriff auf den Star der Gegenwart, den Weltmeister Vettel. Die beiden kämpfen für einen Moment um die Führung, Schumacher war schon neben Vettel, doch dann steckte der 42-Jährige zurück. „Mir war bewusst, dass es gegen Seb nicht reichen würde, es war mir aber den Versuch wert, mich zu zeigen und die Situation vielleicht zu nutzen“, sagte der Mercedes-Pilot. „Schließlich konnte man nicht wissen, wie Vettel reagieren würde, schließlich fährt er um die WM. Daher dachte ich, probierst du es halt mal.“

Doch was zehn Runden vor Schluss noch nach einem unglaublichen deutschen Doppelsieg aussah, brachte am Ende für beide Protagonisten doch gemischte Gefühle. Sebastian Vettel fehlten in einem Rennen, das wegen heftigen Regens über zwei Stunden lang unterbrochen worden war, knapp drei Kilometer zu seinem sechsten Saisonsieg. Nach einem Ausrutscher in einer Linkskurve musste er Jenson Button im McLaren vorbeilassen, der trotz zweier Unfälle, fünf Boxenstopps und einer Durchfahrtsstrafe noch gewann. Vettel baute aber in der WM seinen Vorsprung auf jetzt 60 Punkte aus. Schumacher fuhr das bisher beste Rennen in seinen eineinhalb Jahren bei Mercedes, verpasste den ersten Podestplatz seiner zweiten Karriere am Ende um vier Zehntelsekunden und musste sich hinter Vettels Stallgefährten Mark Webber mit Platz vier zufrieden geben.

Der Frust über den eigenen Patzer stand Vettel nach der Zieldurchfahrt erst einmal ins Gesicht geschrieben. „Im Moment überwiegt die Enttäuschung“, so der amtierende Weltmeister. „Wenn man ein schwieriges Rennen durch einen kleinen Fehler verliert, das man ansonsten von Anfang bis Ende im Griff hatte, dann ist das einfach so.“ Bei seinem Quersteher hätten die Hinterräder blockiert , wodurch er auf den nassen Teil der Strecke gekommen sei, „und das war’s dann“. Nach der letzten Safetycar-Phase sei er „ein bisschen zu konservativ“ gefahren, „ich habe den Vorsprung nicht weit genug ausgebaut. Wahrscheinlich wäre Jenson dann gar nicht mehr so dicht heran gekommen, dass ich da hätte so ans Limit gehen müssen.“ Allerdings hatte ihn sein Team auch nicht darüber informiert, dass Button von hinten anstürmt. Und noch etwas anderes erzählte Vettel nicht öffentlich: Er musste wieder das ganze Rennen lang ohne das Kers-System auskommen. Und die 82 Extra-PS hätte er auf der Vollgas-Strecke von Montreal gut gebrauchen können.

Kein Wunder, dass Christian Horner seinen Fahrer tröstete, statt ihn für den Fehler zu kritisieren. „Natürlich ist Sebastian sehr enttäuscht – logisch, wenn man mehr als 99 Prozent des Rennens führt“, sagte der Red-Bull-Teamchef. „Aber eigentlich muss er das gar nicht sein. Es war ein Fehler an einem Tag, an dem viele Fahrer Fehler gemacht haben.“

Adrian Sutil war einer von ihnen. Der Force-India-Pilot stand nach seinem Ausfall schon an der Box und beobachtete das Finale am Monitor. „Dass Sebastian einen Fehler begeht und den Sieg noch wegwirft, hätte ich nicht gedacht“, sagte Sutil und fasste die Erkenntnis der Szene so zusammen: „Aber auch er ist nur ein Mensch.“

Der Mensch Vettel nahm der Konkurrenz aber gleich darauf die Illusion, dass dieser Patzer unter Druck ihn aus der Bahn wirft. „Ist schon abgehakt, ich schaue nach vorn“, erklärte er kämpferisch. Dann machte er sich ziemlich müde und immer noch in den nassen Rennklamotten auf zum Flughafen, wo er noch das letzte Viertel des NBA-Finales sah, in dem Dirk Nowitzki dann doch noch ein Sieg eines Deutschen in Amerika gelang.

Zumindest ein mittelgroßer Triumph war aber auch Michael Schumacher gelungen. „Er war einer der Hauptdarsteller heute. Das tut ihm gut“, sagte Mercedes-Sportchef Norbert Haug. Auch Schumacher selbst zeigte sich zufrieden. „Es war sehr viel Erfahrung notwendig, um im richtigen Moment schnell zu sein und auf der Strecke zu bleiben. Die Umstände waren perfekt für mich, da man in dieser Situation die Unterschiede eben klar und deutlich darstellen kann, und das habe ich heute umsetzen können“, sagte der Rekordweltmeister. „Aber was mir weniger Spaß macht, ist, wenn man so kurz vor dem Podium steht, und es einem dann wieder weggeschnappt wird.“

In der letzten Runde lag Schumacher 1,1 Sekunden hinter Webber – eine Zehntel zu viel, um noch einmal den beweglichen Heckflügel für einen Angriff aktivieren zu dürfen. „Wer weiß, was sonst passiert wäre“, sagte Haug. „Am Ende war Michael 0,3 Sekunden hinter dem Podium – daran hat er jetzt geschnuppert.“

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