Sport : Fast, immer nur fast

Stefan Hermanns

Die größten Momente des deutschen Tennis sind zuletzt vor allem Fast-Momente gewesen. Vor drei Jahren hat Rainer Schüttler fast ein Grand-Slam-Turnier gewonnen, als er überraschend das Finale der Australian Open erreichte. Im Sommer 2004 hätten Schüttler und Nicolas Kiefer fast den Triumph von Becker/Stich wiederholt, die 1992 im Doppel die olympische Goldmedaille errangen. Auch Thomas Haas hat gestern in Melbourne fast Geschichte geschrieben: Zwei zu null führte Roger Federer, der eigentlich Unbesiegbare, nach Sätzen. Haas aber kämpfte sich zurück. Für jede Aufgabe, die Federer ihm stellte, fand er eine Lösung. Er dominierte das Match zeitweise, gewann den dritten Satz, den vierten – den entscheidenden fünften aber entschied Federer für sich.

Das ist typisch für das deutsche Tennis der Jetztzeit: Wenn es ernst wird, gewinnen immer die anderen, und nicht immer hieß der andere Federer, gegen den im Normalfall alle verlieren. Die Nachfolgegeneration um Haas, Kiefer und Schüttler wird aber vor allem wegen ihrer vermeidbaren Niederlagen in Erinnerung bleiben.

Unter anderen Voraussetzungen hätte das Match Haas gegen Federer ein mythisches Spiel werden können. Auch Niederlagen können groß sein. Niemand hat das eindrucksvoller bewiesen, als Boris Becker, der das Scheitern zur eigenen Kunstform erhoben hat. Der entscheidende Unterschied zu Haas ist: Becker hat auch große Siege errungen.

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