Sport : Fast vorn

Deutsches Tischtennisteam beugt sich China

Friedhard Teuffel[Bremen]

Timo Boll suchte sich seinen Trostpreis selbst aus. Er ging nach dem Spiel zu seinem chinesischen Gegner Wang Liqin und tauschte mit ihm das Trikot. Der beste deutsche Tischtennisspieler wird es gut aufheben: „Es kommt bei mir zu Hause an die Wand, dort hängen zehn bis fünfzehn Trikots von ganz besonderen Spielern, zum Beispiel von Jan-Ove Waldner.“ Das Trikot des Schweden hat seit dieser Mannschafts-Weltmeisterschaft in Bremen noch einmal an Wert gewonnen, weil Waldner sein letztes großes internationales Turnier bestritt. Das Hemd von Wang Liqin allerdings ist ebenfalls ein außergewöhnliches Andenken. Der Einzel-Weltmeister war der Einzige, der gegen Boll in Bremen gewann, und er ist der einzige Spieler, der im Moment wirklich besseres Tischtennis spielt als Boll.

Boll nimmt noch einen anderen Trostpreis mit. Es ist die Bronzemedaille, die er mit der deutschen Mannschaft gewonnen hat. Eine Medaille hatten sie sich vorgenommen für die WM im eigenen Land und damit ihr Ziel erreicht. Im Halbfinale forderten sie die Tischtennis-Herrscher aus China heraus und lieferten sich beim 1:3 mit ihnen ein lange offenes Duell. Boll untertrieb, als er sagte: „Wir haben sie ein bisschen ins Schwitzen gebracht.“

Das Halbfinale gegen China war der Höhepunkt der WM. Fast 10 000 Zuschauer waren in der Bremer Stadthalle. Bis zum Halbfinale hatten die Chinesen kein Einzel in diesem Turnier verloren. Doch das änderte sich schon im ersten Einzel. Boll traf auf Ma Lin. Von allen Chinesen bereitet Ma Lin Boll die größten Probleme. Nur zwei der letzten zehn Begegnungen konnte Boll gewinnen, in Bremen lag er schnell mit 0:2-Sätzen zurück. Mit einer furiosen Leistung kämpfte sich Boll jedoch ins Spiel zurück und gewann 3:2.

Mit der Führung im Rücken spielte Christian Süß befreit auf. Der 20 Jahre alte Düsseldorfer hatte es mit keinem Geringeren als dem Weltranglistenersten Wang Liqin zu tun. In jedem Satz hatte Süß die Chance zum Sieg. Am Satzende legte Wang Liqin jedoch immer noch zu und gewann das Spiel 3:0. Keine Chance hatte anschließend Zoltan Fejer-Konnerth gegen den Olympiazweiten Wang Hao, und so hätte Boll die Deutschen mit einem Sieg im Spiel halten müssen. Sein Gegner war Wang Liqin – Weltranglistenerster gegen Weltranglistenzweiten also. Im Entscheidungssatz lag Boll 5:3 vorne. Dann nahm der Chinese eine Auszeit – und gewann 11:6. Boll spielte herausragend, doch Wang Liqin machte keinen Fehler. Einmal lag der Chinese fast im Spagat auf dem Boden, rappelte sich dann aber wieder auf und knallte Boll den Ball um die Ohren. „Er hat fast unmögliche Bälle auf den Tisch gespielt“, sagte Boll.

Das Finale gegen Südkorea gewann China 3:0. Auch die chinesischen Damen verteidigten ihren Titel erfolgreich. Insgesamt blieb nur zweimal Bronze in Europa, bei den Damen ging es an Weißrussland. Die deutschen Damen belegten Platz elf.

Weil die Auslosung Deutsche und Chinesen schon im Halbfinale zusammenführte, sagte Bundestrainer Dirk Schimmelpfennig: „Für mich hat diese Bronzemedaille einen silbernen Schimmer.“ Stolz war er vor allem auf dies: „Wir haben die Lücke zu den Chinesen ein bisschen verkürzt.“ Bei der WM 2004 in Katar waren die Deutschen gegen die Chinesen im Finale ohne Chance geblieben und hatten 0:3 verloren. Auch Boll war hoffnungslos unterlegen, diesmal jedoch bestätigte er das Urteil des chinesischen Herrentrainers Liu Guoliang: „Timo Boll ist genauso gut wie wir Chinesen." Schimmelpfennig sagte: „Bis zur Mannschafts-WM 2008 und Olympia in Peking haben wir vielleicht noch eine bessere Chance.“

In Bremen leisteten sich die Chinesen nur einen Aussetzer. Nach der Siegerehrung ließen sie den Pokal fallen, die Trophäe zerbrach. Jetzt haben die Chinesen zwei Jahre Zeit, um ihn zu reparieren – und die Deutschen zwei Jahre, um den Rückstand noch einmal zu verringern.

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