Sport : Fast wie Gold

Begeistert feiern die deutschen Handballer das 29:26 über Frankreich und den Einzug ins WM-Viertelfinale

Hartmut Moheit[Dortm]

Am liebsten wären die deutschen Handballer noch eine Weile geblieben. Die „Deutschland, Deutschland“-Rufe der 12 000 Fans in der Westfalenhalle taten ihnen gut. Bei den Dortmunder Zuschauern war die Kritik offenbar angekommen, dass sie zuletzt die heimische Mannschaft nicht genügend unterstützt hätten. Gegen Frankreich ließen sie diesen Eindruck völlig vergessen. Aber das nächste Spiel bei der Handball-WM stand in der Westfalenhalle noch bevor, und so räumte das Team von Bundestrainer Heiner Brand das Feld, gezwungenermaßen. Grund zum ausgiebigen Feiern bestand noch nicht. Nach dem 29:26 (14:9) gegen Europameister Frankreich steht die deutsche Nationalmannschaft zwar im Viertelfinale. Doch das heutige Spiel (15.30 Uhr, live im ZDF) gegen Island ist damit keineswegs unwichtig geworden.

Im Gegenteil. Von Platz eins bis drei ist in der Hauptrundengruppe noch alles möglich. Mit einem Sieg würde das deutsche Team aus der anderen Hauptrundengruppe einen vermeintlich leichteren Gegner im Viertelfinale bekommen. Und ein Sieg in der Runde der letzten Acht wäre gleichbedeutend mit der Olympiaqualifikation für Peking 2008.

„Wir haben das erste große Ziel erreicht, aber wir können noch viel mehr schaffen“, sagte Heiner Brand erleichtert. Dass der Sprung unter die acht besten Teams der Welt gegen einen der hohen WM-Favoriten glücken würde, gab der Bundestrainer zu, „davon war ich nach vier Minuten nicht mehr überzeugt“. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kapitän Markus Baur nach einem Gegenstoß signalisiert, dass er sich eine Zerrung zugezogen hatte. „Da war ich schon der Verzweiflung nahe“, gab Brand zu, „offensichtlich bin ich nicht mehr so leidensfähig.“ Auch Oliver Roggisch war mit Rückenproblemen in das Spiel gegen Frankreich gegangen.

Doch Ersatzspieler Michael Kraus aus Göppingen, der für Baur ins Spiel kam, führte sich mit dem Treffer zum 3:2 glänzend ein. Und bei dieser einen Tat von ihm sollte es nicht bleiben: Mit sieben Toren bei acht Wurfversuchen wurde der 23-Jährige zum entscheidenden Feldspieler. „Mit ihm haben wir nicht gerechnet“, sagte der französische Nationalspieler Guillaume Gille. Auch Heiner Brand gab hinterher zu: „Vor zwei Tagen gegen Tunesien war ich von ihm noch sehr enttäuscht, diese Leistung hätte ich nicht erwartet.“

Kraus demonstrierte bei seinen Aktionen jenes Selbstvertrauen, das sich die deutschen Spieler zuletzt mit den Siegen gegen Slowenien und Tunesien erarbeitet haben. Da wurde gegen die französischen Stars mit einer Leidenschaft gekämpft, als ginge es bereits um die Goldmedaille bei dieser Weltmeisterschaft. Würfe, die durch die sich ständig bewegende Deckung in Richtung Tor kamen, wehrte der erneut überragende Henning Fritz ab. Während der Welt-Handballer des Jahres 2004 auf eine Quote gehaltener Bälle von 41 Prozent kam, versagte sein Gegenüber Thierry Omeyer mit elf Prozent vollkommen. Gestern Abend wurde deutlich, dass Fritz beim THW Kiel die Rückkehr ins Tor schaffen kann, wo er seit der Omeyer-Verpflichtung zuletzt nicht einmal mehr aufgeboten wurde. „Ich werde mich zurückkämpfen“, versprach er.

In der ersten Halbzeit führt das deutsche Team zwischenzeitlich mit sechs Toren (14:8/29. Minute). Der Auftritt war so stark, dass Frankreichs Trainer Claude Onesta, der in der Vergangenheit oft arrogant und unsachlich auftrat, diesmal den Gegner lobte. „Deutschland hat verdient gewonnen, Gratulation zu dieser Leistung“, sagte er. Und das, obwohl sein Team in der Schlussphase noch aufholen konnte.

Dabei verloren die Schiedsrichter aus Spanien allerdings auch ihre Linie. Nach sechs Zweiminutenstrafen für Deutschland schrumpfte die deutsche Führung von sieben Treffern Vorsprung (20:13/40.) auf nur noch zwei (28:26, 58.). Einzelaktionen der Franzosen Karabatic und Joel Abati waren von der deutschen Abwehr nicht mehr so konsequent unterbunden worden wie in der ersten Halbzeit. Die Kräfte ließen nach, was bei dem aufwändigen Stil der deutschen Spieler nicht ausbleiben konnte. Doch Henning Fritz blieb fit. Seelenruhig wehrte er in dieser kritischen Phase Siebenmeter von Olivier Girault und Nikola Karabatic ab. Er blieb einfach stehen, während die französischen Werfer nervös wurden. Spätestens jetzt hielt es in der Halle keinen mehr auf den Plätzen, der Schlusspfiff ging in den „Deutschland, Deutschland“-Rufen unter.

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