Sport : Faust um Faust (Kommentar)

Michael Rosentritt

Einen Gegner, der lange stehen bleibt, der sogar noch zurückschlägt und trifft, den mögen die Klitschkos nicht. Beide nicht. Gestern lieferte Witali Klitschko, der ältere der Brüder, den jüngsten Beweis. Doch vor ihm erging es Wladimir nicht anders. Im Mai 1998 nahm Trainer Fritz Sdunek seinen Schützling in der elften Runde aus einem Kampf. Wladimir Klitschko hatte sich gegen einen boxerisch hoffnungslos unterlegenen US-Amerikaner namens Ross Puritty zerrieben. Und das vor 10 500 entgeisterten Zuschauern in Kiew, der Geburtsstadt der Klitschkos.

Diesmal waren nur 6000 in der Halle, dafür saßen zeitgleich über zehn Millionen an den Fernsehschirmen. Die in den USA mal nicht mitgerechnet. Die Klitschkos sind in den vergangenen eineinhalb Jahren deutlich gestiegen in der Beliebtheitsskala der Deutschen. Vor allem nach dem Kampf zwischen Wladimir Klitschko und Axel Schulz im September des vergangenen Jahres wächst das Interesse der Öffentlichkeit an den beiden Kolossen aus Kiew. Dabei überzeugen die beiden Zwei-Meter-Riesen nicht ausschließlich im Ring. Sie kommen auch noch sehr sympathisch rüber. Sie benehmen sich anders als Profiboxer herkömmlicher Prägung. Sie unterscheiden sich von vielen, weil sie nicht nur mit den Fäusten arbeiten, sondern sich auch mit ihrem Sport/Beruf auseinandersetzen, sich Gedanken machen.

Nein, es war keine Tragödie, die sich da in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag in Neukölln zugetragen hat. Wladimir hat die Niederlage in Kiew nicht geschadet. Bei Witali wird es nicht anders sein. Denn verloren haben schon ganz andere. Da muss man gar nicht in die Bilanz des besten Boxers aller Zeiten, Muhammad Ali, schauen. Es reicht ein Blick in die von Max Schmeling. Als Profi absolvierte Schmeling 70 Kämpfe, davon gewann er 56 Mal. Vier Mal boxte er Unentschieden. Zehn Kämpfe verlor er. Und Schmeling ist heute das überragende Sportidol hierzulande.

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