Faustball-Turnier im Wedding : Am Ende der Turnstunde

Über Faustball, dieses urdeutsche Spiel, schrieb schon Goethe – im Wedding findet nun das größte Vereinsturnier der Welt statt.

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Geballt. Nationalspieler Patrick Thomas bei der EM 2014.
Geballt. Nationalspieler Patrick Thomas bei der EM 2014.Foto: imago

Die Beschreibung Johann Wolfgang von Goethes über das Faustballspiel kann Ulrich Meiners nicht mehr hören und vor allem nicht mehr lesen. Denn wird einmal über das Faustballspiel geschrieben, kommt er, der Goethe. Meiners, Präsident der Deutschen Faustball-Liga, findet, dass die Berichterstattung über das Rückschlagspiel mehr hergeben müsste als die Verwendung dieser immergleichen Worte. „Lauter wohlgewachsene, rüstige, junge Leute“ hatte Goethe bei einem Faustballspiel während seiner Italienreise gesehen und das in seinem Tagebuch festgehalten: „Die schönsten Stellungen, wert in Marmor nachgebildet zu werden, kommen dabei zum Vorschein.“ Davon wird es an diesem Wochenende im Schillerpark im Wedding einige zu sehen geben. Beim größten Vereins-Faustball-Turnier der Welt.

Rund 30 000 Faustballer gibt es derzeit in Deutschland. Tendenz, nun ja, zumindest nicht fallend seit ein paar Jahren. „Die Zahlen stagnieren“, sagt Meiners und bei der Aussage schwingt tatsächlich ein wenig Stolz mit. Es gab auch Zeiten, da drohte Faustball von der Bildfläche zu verschwinden. Faustball ist längst nicht tot, so richtig am Leben ist diese urdeutsche Sportart, die für Laien dem Volleyballspiel sehr nahe kommt, aber auch nicht. Die Gründe dürften in den Anfängen liegen. Faustball war seit der offiziellen Einführung Ende des 19. Jahrhunderts mehr als Ausgleich für die Turner gedacht. „Am Ende der Turnstunde“, sagt auch Meiners, „wurde halt immer Faustball gespielt“. Doch war Faustball recht beliebt, gerade unter jenen, die sich beim Turnen etwas schwerer taten.

Mehr Fördergelder durch Eigenständigkeitsvertrag

Nun wäre es gemein zu sagen, Faustball sei ein Spiel für Verlierer, für jene, die nicht gut genug sind fürs Turnen. Was man dagegen mit Gewissheit sagen kann: Viele Jahre hat der Deutsche Turner-Bund die Faustballer genau so behandelt, als Verlierer. „Die Interessen des Faustballs wurden nicht aktiv und engagiert genug vertreten. Sie wurden einfach verwaltet“, sagt Meiners. Hinzu kam, dass Volleyball dem Faustball seit den 1970er Jahren den Rang ablief. Und da Faustball gerade einmal von einem Dutzend Nationen gespielt wird, während der Welt-Volleyballverband die meisten nationalen Mitgliedsverbände aller Sportarten hat, findet es olympisch nicht statt.

Dennoch blickt Meiners optimistisch in die Zukunft. Der Boden sei bereitet. Zwar gehören die Faustballer offiziell immer noch zum Turnerbund, doch haben sie einen temporären Eigenständigkeitsvertrag abgeschlossen. Dieser bringt ihnen mehr Fördergelder und – viel wichtiger – ermöglicht es ihnen, die eigenen Belange selbst zu verwalten. Meiners wünscht sich, dass mittelfristig die Zahl der Spieler steigt; und natürlich will er auch, dass Faustball stärker wahrgenommen wird. Die Voraussetzungen dafür sind da. Die Deutschen sind Weltmeister bei den Frauen, den Männern und in der A-Jugend. Noch aber knallen sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Bälle über das Seil. Meiners denkt deswegen an die Übertragung von Bundesliga-Faustball per Livestreaming.

275 Teams, 500 Sportler

Mehr noch setzt er auf einen Impuls von der Basis. Auf Männer wie Jürgen Nest. Der ist seit 60 Jahren Vereinsmitglied bei der Berliner Turnerschaft. An diesem Wochenende hilft Nest als Mitglied der Turnierkommission zum 30. Mal mit, den Wedding-Cup zu organisieren. Rund 275 Mannschaften haben sich angemeldet, 500 Sportler aus unterschiedlichsten Altersklassen werden da sein. Doch fragt man Nest, wie viele Zuschauer da sein werden, sagt er: „Um die 500.“ Inklusive der anwesenden Akteure.

Der Spielspaß sei enorm, zudem fördere Faustball Fairness und Gemeinschaftsgefühl, preist Nest das Spiel an. Und schließlich verweist er auf die zahlreichen Topspieler, die am Samstag und am Sonntag im Schillerpark aufschlagen werden. Dabei sein wird auch Timon Lützow von der Berliner Turnerschaft. Lützow ist ein Baum von einem Kerl, seine Angaben knallt er mit über 100 Stundenkilometern über das Seil. Mit seiner Athletik trug er im vergangenen Jahr dazu bei, dass die A-Jugend den Weltmeistertitel in Brasilien holte – wenige Monate vor dem Triumph der Fußballer also. Selbst dieser zufällige Umstand fand kaum Erwähnung. Jürgen Nest kann das Desinteresse nicht verstehen. Selbst Goethe habe Faustball erwähnt. Doch das sei ja schon oft geschrieben worden.



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