Sport : Faustschläge im Kabinengang

Beim 0:0 zwischen der Türkei und England in Istanbul prügeln sich 50 Spieler und Offizielle

Thomas Seibert

Der Mann mit dem rot-weißen Hut und dem Fußballtrikot der türkischen Nationalmannschaft sah aus wie ein trauriger Clown, als er am Samstag das Stadion Sükrü Saracoglu im asiatischen Teil Istanbuls verließ. „Wir hatten mehr erwartet“, seufzte der Fan, der mit 50 000 Landsleuten nach dem 0:0 der Türkei gegen England enttäuscht das Stadion verließ. Still und in sich gekehrt machten sich die sonst so lautstarken türkischen Fans auf den Heimweg. Die 5000 aufmerksamen Istanbuler Polizisten, die Ausschreitungen zwischen türkischen und englischen Fans verhindern sollten, konnten aufatmen: Keinem Anhänger war nach Schlägereien zumute. Den türkischen Spielern dagegen schon. Sie prügelten sich mit ihren englischen Kollegen in den Katakomben des Stadions.

Neunzig Minuten lang waren die türkischen Spieler so nervös, dass selbst Kurzpässe misslangen. „Der Druck war zu groß“, sagte Mittelfeldspieler Okan Buruk. Die Nation erwartete das erste Tor und den ersten Sieg gegen England. Hinzu kam die Tatsache, dass die Engländer wegen der befürchteten Ausschreitungen keine Fans im Stadion haben durften. Besser konnten die Voraussetzungen für die Türken nicht sein – trotzdem verkrampfte die Mannschaft.

Der Frust der türkischen Spieler entlud sich, als David Beckham gegen Ende der ersten Hälfte einen Strafstoß kläglich verschoss. Der türkische Verteidiger Alpay verhöhnte Beckham zunächst am Elfmeterpunkt. Als die Mannschaften zur Pause in die Kabinen gingen, griff Alpay, der beim englischen Verein Aston Villa unter Vertrag ist, nach Beckhams Ohr.

Beckham schlug zurück, traf den Türken aber nicht. Darauf mussten die beiden Profis bei Schiedsrichter Pierluigi Collina antreten, der sie aufforderte, sich die Hand zu reichen. Es nützte nichts: Die restlichen Profis schlugen im Kabinengang aufeinander ein. So lieferten sich Sol Campbell und Hasan Sas erst ein verbales Duell, das dann schnell handgreiflich wurde. Am Ende lagen etwa 50 Spieler und Offizielle beider Seiten miteinander im Clinch.

All das habe die Konzentrationsfähigkeit seiner Mannschaft gestört, sagte der türkische Nationaltrainer Günes. Er habe bei der Halbzeit-Besprechung kaum Ratschläge loswerden können, da die Spieler nur über die Schlägerei geredet hätten. „Ich wollte über unsere Fehler sprechen“, sagte Günes. Und Alpay sei wegen des Termins bei Collina gar nicht in der Kabine gewesen.

Trotzdem könnte es das nächste Aufeinandertreffen von Türken und Engländern bei der Europameisterschaft in Portugal geben, denn die Türken haben die Hoffnung nicht aufgegeben, sich über die Relegation zu qualifizieren. „Wir hoffen noch“, sagte Ministerpräsident Erdogan, der sich das Spiel im Stadion angesehen hatte.

Anders als die türkischen Spieler erledigten die Sicherheitsbehörden ihre Aufgabe mit Erfolg. Mit Hilfe erfahrener britischer Polizisten fingen sie 45 Engländer mit zweifelhaftem Ruf bereits am Flughafen von Istanbul ab und schickten sie nach Hause. Rund ein Dutzend englische Fans schafften es trotzdem bis zum Stadion – einige hatten sich mit türkischen Vereins- und Nationaltrikots getarnt. Es nutzte ihnen nichts. Kurz vor ihrem Ziel wurden sie erkannt und abgeführt.

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