Sport : Favorit sein dagegen sehr...

Erst wenn das DFB-Team heute den Beweis antritt, mit dieser Rolle umgehen zu können, ist es tatsächlich eine große Mannschaft – und reif für den Titel

Michael Rosentritt[Basel]

Hans-Dieter Flick ist ein selbstloser Herr. Er ist sogar so selbstlos, dass der berühmteste Deutsche für eine Nacht wieder geräuschlos in den Schatten von Joachim Löw getreten ist. „Ich bin noch etwas heiser vom Portugalspiel“, sagte Flick – der kleine Scherz, den der Assistent des Bundestrainers machen wollte, misslang. Er hätte besser sagen sollen, dass es gegen die Türken nicht so lustig wird, wie gemeinhin angenommen wird.

„Ich kann es nicht mehr hören“, antwortete Flick auf die Bemerkung, dass der Gegner bei so vielen verletzten und gesperrten Spielern ja Schwierigkeiten haben müsse, überhaupt eine Mannschaft zusammen zu kriegen. Alles Quatsch, bedeutete Flicks Blick. Die Türkei werde eine Mannschaft aufbieten, „die von ihrem Willen, von ihrem Mut und ihrer Leidenschaft lebt“. Und sie werde den Deutschen „alles, aber auch wirklich alles“, abverlangen. Gut, dass die deutsche Mannschaft auch über einen Michael Ballack verfügt. Er sei sehr, sehr ruhig, versicherte er gestern, und, na klar, schiele er wie das gesamte Team schon ein bisschen auf die große Chance, ins Finale einziehen und den Pokal holen zu können. „Die Chance ist da, und die Chance ist gut.“

Tatsächlich wartet auf die deutsche Elf eine heikle Aufgabe. Die besteht nicht so sehr in der fußballerischen Herausforderung, sie ergibt sich vielmehr aus der bloßen Konstellation. Es wird sich trotz aller anders lautenden Beteuerungen nicht verhindern lassen, dass Deutschland als Favorit in dieses Halbfinale geht. Und genau darin besteht die vielleicht größte Gefahr.

Zweifellos hat sich die Mannschaft, die zum größten Teil aus dem WM-Team von 2006 besteht, noch einmal weiterentwickelt. So viel weiter, dass sie als einer der Favoriten auf den Gewinn des EM-Titels gesehen wird. Den Umgang damit aber muss die Mannschaft erst noch bestehen lernen.

2006 war die Ausgangslage eine grundsätzlich andere. Nach dem Fiasko von Florenz wenige Monate vor dem Heimturnier hatte sich eine ganze Nation Sorgen um die WM-Tauglichkeit gemacht. Als Jürgen Klinsmann nach der 1:4-Niederlage direkt nach Kalifornien entschwebte, wollten gar Hinterbänkler aus dem Bundestag das Thema auf die Tagesordnung setzen. Erst im Laufe des Turniers steigerte sich der Gastgeber, die Mannschaft entwickelte ein enormes Selbstvertrauen. Der Glaube an die eigene Stärke war ein wesentlicher Bestandteil im Projekt Klinsmanns, der die Spieler zwei Jahre lang stärker geredet hatte als sie wirklich waren. Erst im Viertelfinale gegen Argentinien war die DFB-Elf wirklich so stark, wie sie Klinsmann von Anfang an gemacht hatte, als er sagte: Wir wollen Weltmeister werden. Am Ende scheiterten die Deutschen im Halbfinale eine Minute vor dem Elfmeterschießen an Italien.

In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Lage gewandelt. Nach einer komplikationslosen Qualifikation und klaren Siegen zu Beginn des EM-Jahres in Österreich und der Schweiz galt die deutsche Mannschaft von Beginn an als Mitfavorit. Eine Rolle, die zwar ein wenig stolz machte, wie Ballack vor dem Turnier sagte, aber auch eine, mit der im Team noch nicht jeder umzugehen verstand. Die Gruppenspiele zeigten das. Zwar galt Kroatien als vielleicht schwerster Vorrundengegner, aber die Mannschaft versagte kollektiv. Das Österreichspiel war ein besonderes Spiel, ein Spiel, in dem die Deutschen viel zu verlieren hatten. Deutschland war lediglich um ein fulminantes Freistoßtor Michael Ballacks besser. Gegen die Portugiesen aber, die in der Vorrunde so herausragend gespielt hatten, war Deutschland nicht favorisiert. Diese Ausgangslage kam der Mannschaft entgegen.

Die Statistik nach dem Viertelfinale wies die Portugiesen in fast allen möglichen messbaren Belangen als Sieger aus; mehr Ballbesitz, mehr Ecken, mehr Torschüsse. Nur in der relevantesten aller Kategorien, bei den erzielten Toren, lag Deutschland am Ende vorn. Deutschland spielte effizienter.

Gegen die Türken erwartet Löws Mannschaft ein anderes Spiel. Fatih Terims Team wird nicht so offensiv und vorhersehbar wie die Portugiesen operieren. Die Deutschen werden mehr Ballzeiten haben, und müssen diese konsequent ausnützen. Den Beweis, dass die Mannschaft genau das kann, muss sie erst noch erbringen. Erst dann ist sie wirklich eine reife, große Mannschaft.

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