FC Bayern : Fragile Freigeister

Thomas Müllers Aufstieg kommt den Bayern doppelt gelegen. Zum einen hilft er mit seinen Toren, zum anderen lenkt er davon ab, dass das Team sich immer noch in der Findungsphase befindet.

Raphael Honigstein[Tel Aviv]
Champions League - Maccabi Haifa FC - FC Bayern München
Bayerns neuer Torjäger. Thomas Müller erzielt das 2:0 bei Maccabi Haifa.Foto: dpa

Eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff stand Bayerns Defensive: An Uli Hoeneß kam niemand vorbei. Der Manager der Münchner erschien gut gelaunt vor dem Ramat-Gan-Stadion und wehrte mit Lust an der eigenen Hartnäckigkeit alle Fragen ab, die den Namen Thomas Müller in sich trugen. „Ich fange jetzt nicht an, Personalpolitik zu betreiben“, sagte er, „zu diesem Thema werden Sie von mir nichts hören.“ Einer wollte von Hoeneß wissen, ob der 20-Jährige ihn an ihn selbst erinnere, erntete dafür aber auch nur ein knappes „Nein“. Hoeneß fiel bald ein ganz anderer Vergleich ein: „Es gab ein Spiel in Belgrad, da wurden Toni Kroos und Michael Rensing in den Himmel gelobt, die sind kaum noch runtergekommen“.

23 Monate nach jenem Uefa-Pokal- Sieg in Serbien müht sich Kroos in Leverkusen immer noch darum, seinem Potenzial gerecht zu werden; Kollege Rensing ist nicht mehr dem Himmel nahe, sondern nur auf der Bank. Die Gefahr, dass nun das Gleiche passieren könnte, sah Uli Hoeneß nach den beiden Treffern Thomas Müllers beim 3:0 bei Maccabi Haifa in der Champions League offenbar gegeben. „Bester Spieler auf dem Platz“, hatte ihn Trainer Louis van Gaal gerühmt. Doch Daniel van Buyten, der den ersten Treffer der Münchner erzielt hatte, sah keine Gefahr: „Der Junge steht ja mit beiden Beinen auf der Erde, der kann damit umgehen“, sagte der Belgier.

Müller, ein bescheidener Junge, erzählte ein paar Meter weiter mit aufrichtiger Begeisterung von der „super Stimmung im Stadion“. Er freue sich, vom Trainer Einsatzzeiten zu bekommen, alles andere würde „von außen hineingetragen“. Hoher Einsatz und eine erstaunlich effiziente Schnörkellosigkeit kennzeichnen sein Spiel. Bayerns Bestreben, den medialen Wirbel um ihn einzuschränken, ist verständlich; in gewisser Weise müssen sie Müller derzeit auch dankbar sein, und das nicht nur wegen seiner Treffer. Müllers überraschender Aufstieg lenkt im Moment vorzüglich davon ab, dass der FC Bayern im zweiten Saisonmonat noch immer ein recht enigmatisches Bild abgibt.

Van Gaals 4-3-3-System eröffnet Arjen Robben und Franck Ribéry, den fragilen Freigeistern auf den Flügeln, zwar alle erdenkliche Möglichkeiten, doch das Mittelfeld und besonders Bayerns linke Abwehrseite befinden sich weiter in der Findungsphase. Ob Nachwuchsverteidiger Holger Badstuber zusammen mit den aus Holland importierten Edson Braafheid oder Danijel Pranjic höchsten internationalen Ansprüchen genügen, bleibt ebenso offen wie die Frage, warum van Gaal „eine fantastische erste Hälfte“ gesehen hatte.

Beeindruckender als Bayerns durchwachsene Leistung war die Selbstverständlichkeit, mit der der Niederländer mittlerweile auch die größten Stars ein- und auswechselt, während zum Beispiel Müller bis zum Ende laufen und treffen darf. So musste Mario Gomez zu Beginn auf der Bank Platz nehmen. Van Gaals auf harter Autorität fußende Rotation „hält alle Leute bei Laune“, freute sich Hoeneß, der bald einen verschärften Konkurrenzkampf erwartet. „Das wird noch viel krimineller, wenn alle Verletzten wieder fit sind und anmarschieren.“

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