FC Bayern München : Auch der Vorstand rotiert

Die erste Niederlage für die Bayern ist perfekt - was die Verantwortlichen augenscheinlich als ausgewachsene Krise bewerten. Nach dem 1:3 in Stuttgart kritisiert Karl-Heinz Rummenigge weiter Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld.

Oliver Trust[Stuttgart]
Hitzfeld
Lange Gesichter. Die Bayern-Bank bei der Niederlage gegen Stuttgart. -Foto: ddp

Der Trainer und sein Kapitän versuchten sich am Tag danach in etwas, was derzeit nicht alle Angestellten des FC Bayern München auszeichnet: Diplomatie. Während Ottmar Hitzfeld nach dem 1:3 beim Meister VfB Stuttgart von einer „Luxuskrise“ sprach, versuchte Torhüter Oliver Kahn, Luft abzulassen. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht kleine Dinge zu Ballons aufblasen“, sagte er. Ob man aber überhaupt noch von „kleinen Dingen“ sprechen kann angesichts der offenkundig großen Stimmungsschieflage beim Tabellenführer, ist eine offene Frage. Denn haften bleiben nicht nur die Bilder, die überall im Fernsehen zu sehen waren und den schimpfenden Manager Uli Hoeneß auf der Bank zeigten, der sich lautstarke Wortgefechte mit Ottmar Hitzfeld lieferte. Sondern auch der Wortlosigkeit danach. Nach dem Spiel wollte Hoeneß nichts mehr sagen, er schwieg wie fast alle Bayern, die hintereinander durch die Interviewzone eilten, als komme es diesmal weit mehr aufs Tempo an als zuvor auf dem Spielfeld bei der Demontage durch den VfB Stuttgart.

Es stellt sich auch die Frage, ob es tatsächlich ein „kleines Ding“ ist, wenn der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge wieder den Trainer und dessen Aufstellung kritisiert. Hitzfeld wollte in Stuttgart Spieler schonen, die vergangenen Donnerstag im Uefa-Cup zum Einsatz gekommen waren. Das missfiel Rummenigge. Der hatte schon am Donnerstag den „stärksten Kader“ gefordert. Es muss ihm fast wie eine bewusste Trotzreaktion vorgekommen sein, dass in Stuttgart Mark van Bommel und Miroslav Klose zunächst nur auf der Bank saßen. Hitzfeld sprach dagegen von Selbstzufriedenheit im Kader, die er mit seinen Maßnahmen bekämpfen wolle. Die 1:3-Niederlage stufte er als heilsamen Schock ein, der „mit seinem klaren Ergebnis“ keinen Raum mehr für Ausreden lasse. Aber er wunderte sich auch über das Ausmaß der internen Debatte: „Ist das eine Krise, wenn der Tabellenführer einmal verliert?“

Hitzfeld findet sich in dem schwierigen Amt als Trainer des FC Bayern nun zwischen vielen Stühlen wieder. Hier der unzufriedene Vorstand, dort ein mit klangvollen Namen durchsetzter Kader, der sich selbst mit Verbannungen auf die Bank nicht disziplinieren lässt. Einige Spieler hatten sich zwar nach der Kritik im Uefa-Cup auf Hitzfelds Seite geschlagen, ließen aber in Stuttgart keine Leistung folgen, die dem Trainer mehr als Worte geholfen hätte.

Dass ein Trainer eine Niederlage als Therapie ansieht oder Personalwechsel als Mittel gegen Selbstgefälligkeit einsetzt, kann zu einem gefährlichen Spiel werden. Vor allem bei den Bayern. Denn weiterhin gibt es den innigen Wunsch des Schweizer Fußballverbandes, Ottmar Hitzfeld nach der EM 2008 zum Nationaltrainer zu machen. Bis vor kurzem schien das nicht mehr als ein frommer Wunsch. Nach dem neuen Ärger könnte es am Ende sogar zur erneuten Trennung zwischen den Bayern und Hitzfeld kommen. Es gehörten immer zwei dazu, wenn es um Vertragsverhandlungen gehe, sagte Rummenigge. Bedeutet die eingestreute Drohung, dass es nicht allein Hitzfelds Entscheidung sei, ob der bisher bis Saisonende laufende Vertrag verlängert wird? Er wolle Hitzfeld nur helfen, beteuerte Rummenigge. Doch: „Man muss auch mal was sagen dürfen, sonst schlafen alle ein.“

Er hatte damit wohl auch Hitzfeld gemeint, der es wagte, sich ernsthaft mit dem Angebot der Schweizer zu beschäftigen und nicht sofort auf weitere Angebote der Münchner einzugehen, die vor kurzem den Wunsch einer Vertragsverlängerung mit Hitzfeld äußerten. Rummenigge und Hoeneß scheinen zumindest angesäuert. Ob das an Hitzfelds zögerlicher Strategie beim neuen Vertrag liegt oder daran, dass sich die sportlichen Erwartungen und die Leistungen des Kaders nur bedingt zusammenführen lassen, bleibt ein Rätsel. Der zurückgeholte Trainer jedenfalls galt, so heißt es, vor allem dem streitbaren Rummenigge nach der Trennung von Felix Magath nur als Notlösung. Rummenigge sprach zwar nach der Niederlage von einem weiterhin intakten Verhältnis zu Hitzfeld, meinte aber auch: „Erst wenn ich nichts mehr sage, wird es gefährlich. Ich nehme Ottmar Hitzfeld als Trainer und Freund ernst, indem ich etwas sage.“

Man solle das ganze Thema doch bitte schön intern behandeln, mahnte da Oliver Kahn, der auch gestern wieder Ruhe und Gelassenheit einforderte. „Wenn wir am Ende Deutscher Meister sind, dann spricht keiner mehr von diesem Spiel.“ Zweifel an der souveränen Erringung dieses Titels sind jetzt jedenfalls da in München. Und findet man keinen Konsens, könnte die mögliche Meisterschaft die vorläufig letzte Hitzfelds mit den Bayern sein.

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