• FC Bayern München bei Atletico Madrid: Thiago und die neue Freiheit ohne Pep Guardiola

FC Bayern München bei Atletico Madrid : Thiago und die neue Freiheit ohne Pep Guardiola

Thiago spielt beim FC Bayern unter Trainer Carlo Ancelotti groß auf – heute will er in der Champions League bei Atletico Madrid vieles wiedergutmachen.

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Fingerzeig in die richtige Richtung. Thiago hatte Probleme mit der hohen Erwartung an seine Person. Jetzt läuft’s für ihn.
Fingerzeig in die richtige Richtung. Thiago hatte Probleme mit der hohen Erwartung an seine Person. Jetzt läuft’s für ihn.Foto: AFP/Stache

Es ist eher unwahrscheinlich, dass sich Pep Guardiola noch immer um die Bundesliga kümmert. Der Trainer von Manchester City hat genug damit zu tun, die Premier League zu studieren oder wie in dieser Woche die Gegner in der Champions League. Aber vermutlich drang die Kunde vom jüngsten Kunststück seines Lieblingsspielers, dieser Volley-Außenrist-Pass, mit dem Thiago Alcantara den letzten Sieg des FC Bayern München beim Hamburger SV eingeleitet hat, schon bis über den Ärmelkanal nach Mittelengland. Ganz sicher war Guardiola sehr stolz – und gleichzeitig auch ein bisschen traurig, dass der Spanier nicht mehr sein Spieler ist.

Andererseits scheint es dem 25-Jährigen nicht viel auszumachen, dass sein Förderer nun ein anderes Team trainiert. Noch nie hat Thiago in München so stabil auf hohem Niveau gespielt wie in dieser Saison, der ersten ohne Guardiola. In sieben Pflichtpartien seit dem Liga-Start gehörte er bis auf eine Ausnahme stets zur Anfangself von Trainer Carlo Ancelotti, ziemlich sicher wird das auch im Champions-League-Gruppenspiel bei Atletico Madrid am Mittwoch so sein (20.45 Uhr, live im ZDF).

Für die Münchner geht es dabei weniger um Revanche für das verlorene Halbfinale in der vergangenen Saison, sondern vielmehr darum, das System des Gegners zu knacken, die kompakte aggressive Deckung. „Wir wissen genau, was wir zu tun haben“, glaubt Thiago und bedient sich bei seiner Kampfansage der martialischen Sprache. „Wir müssen alle Waffen einsetzen. Sie verteidigen besser als wir, als Barcelona, als Real. Keiner verteidigt besser als Atletico.“ Er selbst hat allerdings etwas gut zu machen im Estadio Vicente Calderon. Nach dem Halbfinal-Hinspiel im April war er vielleicht am heftigsten kritisiert worden, weil er als Spielgestalter in der Offensive blass geblieben war und obendrein vor dem Atletico-Siegtor im Mittelfeld nicht konsequent gestört hatte.

Thiago ist einer von Ancelottis Schlüsselspielern

Dieses Mal wird sich Thiago wohl nicht verstecken. Er ist einer von Ancelottis Schlüsselspielern, nicht nur am Mittwoch in Madrid, und das erstaunt ein wenig. Denn er war stets das, was man als Guardiola-Spieler bezeichnet. Eigentlich ging es darüber sogar noch hinaus. Die Worte „Thiago oder nix“, mit denen Guardiola einst den Transfer des Spaniers für rund 25 Millionen Euro vom FC Barcelona forciert hatte, sind längst Kult in München.

Aber die Last, die Guardiolas Wertschätzung mit sich brachte, wog schwer auf Thiagos nicht allzu breiten Schultern. Der in der Fußball-Schule des FC Barcelona ausgebildete Sohn einer spanischen Volleyballspielerin und des brasilianischen Fußball-Weltmeisters Mazinho schaffte es nie ganz, das Versprechen, mit dem er gekommen war, unter Guardiola einzulösen. In den drei Jahren war er oft verletzt, so richtig zuverlässig planen mit ihm konnte der Trainer erst in der Rückrunde der vergangenen Saison, aber da blitzte viel zu selten seine Genialität auf.

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Und nun kam Ancelotti, dem schnörkelloses Spiel lieber ist als die unendlichen Ballstafetten seines Vorgängers. Allerdings zwängt der Italiener seine Mannschaft nicht in ein Korsett wie Guardiola, und das wiederum beflügelt Fußballkünstler wie Thiago. „Er ist ein großer Trainer“, sagt Guardiolas einstiger Ziehsohn über Ancelotti, „der uns Selbstbewusstsein und Ruhe gibt“. Und ein paar Freiheiten.

Thiago findet nicht, dass er sich anpassen musste in dieser Saison. „Ich habe meinen Stil“, sagt er. Aber womöglich hat er etwas anderes verändert. In Barcelona haben ihn die Fans ausgepfiffen, wenn er wieder einmal einen Hackentrick zu viel zeigte, den Spielfluss unterbrach und sich damit übers Kollektiv stellte. „Pfau“ schimpften sie ihn dann. Vor dem Ausflug der Bayern nach Madrid bezeichnete sich Thiago nun überraschend als „Teamworker“, der alles dafür tue, dass die Mannschaft gewinne. Vielleicht ist dies das Resultat eines Reifeprozesses – aber vielleicht hat es Ancelotti in der kurzen Zeit bereits geschafft, dem verspielten Thiago die Bedeutung des Wortes Teamgeist nahe zu bringen.

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