FC Bayern München : Mario Götze: Wunderkind mit Imageproblem

Mario Götze steht beim FC Bayern München trotz seiner 15 Saisontore in der Kritik. Im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Barçelona rückt er noch mehr in den Mittelpunkt.

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Hochnäsig oder verschlossen? Mario Götze scheint noch auf der Suche nach einer angemessenen Außendarstellung.
Hochnäsig oder verschlossen? Mario Götze scheint noch auf der Suche nach einer angemessenen Außendarstellung.

Es ist schwer, auch nur zu erahnen, was in Mario Götze vorgeht. Wenn er spricht, passiert dies ohne große Emotionen. Dabei ist es egal, ob er zuvor gerade das WM-Finale entschieden hat oder wie am vergangenen Samstag beim 0:2 der Bayern in Leverkusen dreimal beim Torschuss gescheitert ist. Er klingt fast immer geschäftsmäßig. Selbst wenn dem Offensivspieler des FC Bayern München ein Tor gelingt, ist sein Jubel meist seltsam zurückhaltend. Aber daran erinnert man sich im Moment vielleicht gar nicht mehr, denn sein letzter Treffer liegt schon ein bisschen zurück, es war Mitte März gegen Schachtjor Donezk im Achtelfinale der Champions League.

Damals war Götze einer von vielen Spielern, auf die es im Angriff beim FC Bayern ankam. Jetzt ist er neben Thomas Müller derzeit der einzig wirklich gesunde Spieler der Münchner Offensivabteilung. Er steht an diesem Mittwoch im Halbfinal-Hinspiel des FC Bayern beim FC Barcelona (20.45 Uhr, live im ZDF) unter besonderer Beobachtung. Mehr noch als sonst.

Mario Götze kann sich gegen den FC Barcelona neu beweisen

Zuletzt gab es viel Kritik an Götze, trotz seiner 15 Saisontore, obwohl er in der Bundesliga nur einen Treffer von seiner Bestmarke entfernt ist. Aber für einen Hochbegabten ist das eben nicht gut genug. Von einer Rückkehr nach Dortmund im Tausch mit llkay Gündogan war bereits spekuliert worden. Jerome Boateng ist sicher, dass ihm die für einen 22-Jährigen beachtliche Erfahrung hilft, das kleine Tief zu überwinden: „Er kann sich gegen Barcelona neu beweisen.“

Dabei hatte die Saison für Götze gut begonnen, das Tor im WM-Finale schien wie eine Befreiung zu sein. Nach dem ersten schwierigen Jahr in München sah es so aus, als ob er nun angekommen sei beim FC Bayern. Plötzlich durfte er auch sein, wie er ist. Oder besser: wie er wirkt in der Öffentlichkeit, zumindest bei den Menschen, die dem Teenie-Alter entwachsen sind: ein bisschen schnöselig und unnahbar. Man sah es ihm nach, dass er gelegentlich an Mikrofonen vorbeilief, dafür umso lieber die sozialen Medien bediente. Götze war der deutsche WM-Held und schien nun endlich auch in München durchzustarten.

Vielleicht fehlt Götze beim FC Bayern das Vertrauen von Pep Guardiola

Aber in der Rückrunde, als die Probleme der Bayern begannen, tauchte Götze ab, aber nicht nur, wie es seiner Spielweise entsprach. Von ihm ist oft eine Halbzeit lang nichts zu sehen, und dann hat er den einen Geniestreich, der nicht nur die Partie entscheidet, sondern auch über seine Leistung. Aber zuletzt gab es diese Momente nicht. Vielleicht fehlt ihm das uneingeschränkte Vertrauen des Trainers. Pep Guardiola hatte sich vor seinem Amtsantritt in München für die Verpflichtung von Neymar stark gemacht, ehe ihn die Bayern-Verantwortlichen zum Götze-Transfer überredeten. Das mag im Unterbewusstsein eine Rolle spielen. Man müsse, sagte Götze, „das Vertrauen des Trainers spüren. Das ist das Wichtigste für jeden Spieler.“

Wer mit dem 22-Jährigen schon einmal außerhalb von Mixed Zonen und Presseterminen geredet hat, sagt, dass es auch den anderen Mario Götze gibt, den freundlichen, verbindlichen, nicht schnöseligen jungen Mann. Nicht nur die Trainer oder seine Freunde behaupten das, auch die wenigen Journalisten, mit denen er sich einmal zu einem Einzelgespräch getroffen hat. Dass Profi-Fußballer in der Öffentlichkeit nicht ganz sie selbst sind und wenig von sich preisgeben, ist heutzutage normal. Es gibt kaum einen Spieler, bei dem man vermutet, dass sich der öffentliche Sportler und der private Mensch ähnlich sind. Thomas Müller ist so einer. Mario Götze eher nicht. Bei ihm, so hat man zudem das Gefühl, arbeitet das Management kräftig daran, ein Image aufzubauen, das zwar nicht dem echten Mario Götze entspricht, aber mit dem man als Marke in der großen Welt des Fußballs ankommt. Vielleicht wird dieser Versuch bei Götze übertrieben. Andererseits muss ein Spieler, der schon mit 16 als Wunderkind gehandelt wurde und mit 22 ein Tor für die Ewigkeit erzielte, lernen, sich zu distanzieren.

Distanz wird oft mit Arroganz verwechselt, aber manchmal ist der Unterschied auch nicht so groß. Bei Götze weiß man nicht so genau, ob er nur so unnahbar wirkt, um ja nicht vereinnahmt zu werden von den Menschen da draußen. Oder ob diese Karriere im Sauseschritt doch Spuren hinterlassen hat. „Auf die Außenwirkung“, sagte Götze einmal, „habe ich keinen Einfluss.“ Ein bisschen schon. Vermutlich muss er die richtige Balance erst noch finden. Ebenso wie seine Rolle beim FC Bayern.

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