Sport : FC Bayern München: Therapie für verängstigte Stars

Detlef Dresslein

Der FC Bayern München steckt in der Krise. In der Bundesliga rutschte er auf Platz vier ab, nachdem er sich von einer eher minderbegabten Sportgruppe aus Frankfurt mit der beeindruckenden Auswärtsbilanz von bis dahin einem Punkt und zwei Toren bei sechs Versuchen hatte besiegen lassen. "Wir haben keine Krise. Eine Krise wäre es, wenn wir total desolat gespielt hätten", sagt Trainer Ottmar Hitzfeld widerspenstig.

Also gut, andersherum. Der FC Bayern München hat Probleme. Sportliche Probleme, zum Beispiel in der Abwehr. Kein Heimspiel in der Bundesliga endete ohne Gegentor, das ist eine traurige Bilanz für einen Weltklassetorwart und eine fast nur aus Nationalspielern bestehende Abwehrkette. Daraus folgt das nächste Problem: Die Gegentore schüren Ängste. Ottmar Hitzfeld veranstaltete am Sonntagmorgen einen Gesprächskreis: "Ich habe versucht eine Diskussion anzuregen, wollte klären, wie sich die Spieler nach dem Rückstand gefühlt haben." Hochsensible Stadionneurotiker hat der FC Bayern da also vereint, die seit dem 30. September offenbar schlotternd durch die Liga rennen. An jenem letzten Septembertag nämlich verloren die Münchner 0:1 gegen Rostock, wobei sie es, trotz augenfälliger Überlegenheit, nicht schafften, den Ausgleich zu erzielen. "Seitdem haben die Spieler eine Sperre im Kopf, sobald sie in Rückstand geraten", sagt der Trainer. 45 Minuten dauerte die psychoanalytische Mannschaftsbesprechung.

Nächstes Problem: Stefan Effenberg. Der ist normalerweise der Chef, hat aber derzeit vor allem mit sich selbst zu tun. Anstatt sich behutsam an die hohen Anforderungen heranzutasten, über kürzere Einsätze oder Testspiele, wollte er sofort wieder voll mitmachen, durchspielen und das Spiel leiten. Was bislang danebenging, weil er nach halbjähriger Verletzungspause nicht das leistet, was er kann und auch muss. "Einige spielen nicht das, was sie können", sagt Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge. Bayern-Bilanz seit Effenbergs Rückkehr: ein Remis, zwei Niederlagen.

Und Oliver Kahn, der Vize-Chef der Bayern auf dem Platz, patschte sich gegen Frankfurt das Ausgleichstor gleich selbst in den Torwinkel. Bis dato war Frankfurt in diesem Spiel lediglich auch dabei, aber im Bayern-Zauber hoffnungslos unterlegen. Paulo Sergios Direktabnahme beim Führungstor war eigentlich der kapitale Ausdruck größten Selbstbewusstseins. Danach wirbelten sie weiter, exakt bis zu jenem Ausgleichstor. "Das war schon ein Schock für uns", gestand Effenberg, und Ottmar Hitzfeld ärgerte sich: "Ein Treffer aus dem Nichts, das passiert uns oft in letzter Zeit." Und erst nach jenen 38 Minuten merkten die Hessen, dass man auch in München ja mal drei Punkten holen könnte. "Dieses Tor hat der Truppe endlich Selbstbewusstsein gegeben", meinte Frankfurts Trainer Felix Magath erfreut.

Mit Ankündigung fiel der Siegtreffer für die Frankfurter nach einer Stunde. Denn Minuten zuvor hatte die Viererkette unter Anleitung von Ciriaco Sforza schon Thomas Reichenberger gewähren lassen. Völlig frei schoss der nur an den Pfosten. Dann war nach ebenso einfachem Zuspiel Fjörtoft frei vor Kahn, und der machte es besser. Deutlich in diesen Szenen: Die Viererkette, seit dieser Saison fest installiert, sie funktioniert einfach nicht. Und Ciriaco Sforza spielt lange nicht das, was von ihm erwartet wurde. Aber: Noch in der letzten Saison konnten Tore des Gegners den robusten Stars wenig anhaben. Kassierten sie zwei, dann schossen sie eben drei. "Es ist halt in diesem Jahr alles ein bisschen anders, ich weiß auch nicht warum", sagt Stefan Effenberg.

Wo sonst das Selbstbewusstsein stets ein wenig zur Überheblichkeit tendiert und wegen der Erfolge auch tendieren darf, da herrschen Zaghaftigkeit und Angst. Bereits am Sonnabend unmittelbar nach dem Spiel hatte man von Hitzfeld ganz ungewohnte Analysen gehört: "Uns fehlen die Erfolgserlebnisse. Momentan haben wir nicht diese Stabilität im psychischen Bereich und zeigen Nerven." Fast tun sie einem Leid, die Spieler, fast möchte man ihnen zurufen: nur Mut, ihr Bayern. Ihr könnt Fußball spielen, wir glauben an euch.

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