FC Bayern : Plötzlich ganz klein

Der FC Bayern bangt um die Champions League und Trainer Jürgen Klinsmann. Dieser scheint frustriert und seelisch geknickt.

Günter Klein[München]
Hoeneß Klinsmann
Zwei gegen alle. Bayerns Manager Uli Hoeneß und Trainer Jürgen Klinsmann können sich bei der Manschaft offenbar kein Gehör...Foto:dpa

„Niemand verlässt die Arena, ohne heiser zu sein und sich die Hände blutig geklatscht zu haben“, so war es vom Stadionsprecher des VfL Wolfsburg nach Spielschluss befohlen worden. Und alle hielten sich daran nach diesem denkwürdigen 5:1-Spektakel des VfL gegen den einstmals übermächtigen Bayern München. Sogar VfL-Trainer Felix Magath, Asket und Spielerquälgeist, fühlte sich ausnahmsweise „wie im Rausch“.

Nur einer stand verloren am Rand: Jürgen Klinsmann.

Der Trainer des auf dem Rasen vielfach gedemütigten FC Bayern München trug im Gegensatz zum johlenden niedersächsischen Volk keine Schäden an Stimmbändern und Gliedmaßen davon, doch er verließ den Ort der Niederlage in schlimmster Verfassung: frustriert, seelisch geknickt. Und ohne zustimmende Stimmen zu seiner Arbeit, etwa von Manager Uli Hoeneß.

Sonst kommen nach Niederlagen vom Bayern-Trainer selbst immer gleich die Parolen vom Aufbruch. Diesmal nicht. Stattdessen ließ sich Jürgen Klinsmann von der Düsternis überwältigen: „Das schmerzt, vor allem im Hinblick auf das Champions-League-Viertelfinale.“ Am Mittwoch müssen die Bayern beim spanischen Tabellenführer FC Barcelona antreten, der seine Ligapflicht am Wochenende beim 1:0-Auswärtssieg gegen Real Valladolid siegreich absolvierte.

Zurück in München, hatte sich Klinsmann das 1:5 in der Aufzeichnung angesehen. Dieses Spiel, das in der ersten Halbzeit „gar nicht so schlecht war“, wie Kapitän Mark van Bommel noch fand. Doch binnen Minuten zerbrach alles, „alle Tore“, sagte Klinsmann in seiner Analyse am Sonntag, „waren Ketten aus individuellen Fehlern. Zehnmal habe ich vor- und zurückgespult – die ersten drei Gegentreffer kenne ich jetzt auswendig.“

Der Tag nach dem Debakel erlebte einen Jürgen Klinsmann, der die Tonart veränderte. Keine Floskeln mehr, sondern klare Ansagen. An die Mannschaft, an die Öffentlichkeit. „Ich habe jetzt zehn Monate den Kopf hingehalten bei Niederlagen, das werde ich auch weiter tun, doch jetzt sind auch mal die Spieler dran, zu sagen: ,Ich bin schuld.‘“

Was der Trainer seinen Akteuren anlastet: Vernachlässigung des Tagesgeschäfts Bundesliga, weil sie der Champions League Priorität geben. Falsch aus seiner Sicht, denn wenn die Bayern im nationalen Betrieb nicht funktionieren, „besteht das Risiko, dass wir am Ende der Saison mit leeren Händen dastehen“. Er erinnert an die mögliche Parallele, an das, was aufs Double-Jahr 2006 folgte: „Man wurde Vierter, Felix Magath musste gehen. Man kam nur in den Uefa-Cup, in dem man katastrophal abgeschnitten hat“ (was eine sehr offensive, der offiziellen Vereinswahrnehmung nicht entsprechende Deutung des Halbfinal-Scheiterns gegen St. Petersburg ist). Ein vierter Platz wie damals unter Magath, diesmal möglicherweise hinter einem Wolfsburger Meistertrainer Magath, das ist mittlerweile die Horrorvision in München. Klinsmann erkennt die dramatische Lage, so hat er es auch der Mannschaft am Sonntagmorgen mitgeteilt. „Es war keine Diskussion, es war eine Ansprache, und danach habe ich die Spieler nach Hause geschickt.“ Was er gesagt hat? „Es geht um das Jahr 2009 und die Zukunft des FC Bayern.“

Natürlich geht es bald auch darum, ob Jürgen Klinsmann überhaupt noch der Trainer des Rekordmeisters bleiben kann. Klinsmann will sich nicht anlasten lassen, der Mannschaft ein falsches System aufgegeben zu haben, sie taktisch unklug instruiert zu haben. Deshalb sagt er: „Es ist eine reine Willensthematik. Nach einem 1:3 muss man über den inneren Schweinehund rennen, auch wenn die Beine schwer sind und es weh tut, wenn das ganze Stadion singt und der gegnerische Trainer noch den Torwart auswechselt.“ Doch Klinsmanns Bayern ließen sich einfach demütigen. Sie setzten keine Impulse. Aber welche bekamen sie von der Trainerbank?

Zum Beispiel Lucio. In der ersten Halbzeit verletzte er sich am Sprunggelenk, in der zweiten kam eine Blessur an den Adduktoren dazu. Trotzdem rannte Lucio bei einer Ecke noch einmal nach vorne, Klinsmann wechselte ihn nicht aus – und hinten war der FC Bayern entblößt und fing sich ein Gegentor ein. Danach ging Lucio, aber nichts wurde besser: Mit der Innenverteidigung Ottl/Breno brachen die Münchner auseinander.

Wie schwer Lucio verletzt ist, ist wie so vieles in München unklar, „vielleicht fällt er länger aus“, so Klinsmann. Auch Daniel van Buyten könnte in Barcelona wegen eines Krankheitsfalls in der Familie fehlen. Wenigstens kehrt der am Samstag gesperrte Demichelis in die Mannschaft zurück, Lahm und Ribéry sollen trotz kleinerer Verletzungen spielen.

Und muss man auch um Jürgen Klinsmann bangen? Für die Champions League machte er sich so Mut: „Da habe ich weniger Sorge als vor dem nächsten Punktspiel gegen Frankfurt.“

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