Sport : FC Bayern: Sisyphos am Fuß des Berges

Detlef Dresslein

Das europäische Abenteuer des FC Bayern München beginnt auch in dieser Saison auf recht kleiner Plattform. Helsingborg IF heißt der erste Gegner, Rosenborg BK der zweite, und erst wenn Helsing- und Rosenborg dann überstanden sind, gibt es mit der Reise zu Paris St. Germain endlich so etwas wie kontinentale Weltläufigkeit. Wenn Ottmar Hitzfeld darauf seine Das-nächste-Spiel-ist-immer-das-schwerste-Litanei anstimmt, dann mag man es ihm diesmal sogar gerne glauben. In den letzten beiden Jahren waren sie weit gekommen. 1999 ins Finale, vor wenigen Monaten noch ins Halbfinale. Kurz vor dem Ziel endeten beide Unternehmen recht tragisch, und wie weiland Sisyphos mit seinem Felsbrocken müssen die Münchener von vorne anfangen. Jetzt stehen sie wieder vor der ersten Sprosse einer Leiter, deren oberes Ende derzeit in den Wolken verschwindet.

Natürlich zehrt so etwas an den Nerven. Das kann jeder nachvollziehen, der schon mal Türme aus Bierdeckeln gebaut hat oder beim Mensch-ärgere-dich-nicht kurz vor dem Haus rausgeworfen wurde. Und wer spielt schon gerne in Helsingborg, wenn er sich zuvor mit Manchester United, dem FC Barcelona oder Real Madrid duelliert hat. "Diese erste Gruppenphase ist für uns favorisierte Mannschaften schwieriger als die zweite, wo man den Einzug ins Viertelfinale vor Augen hat. Das ist im Moment keine so große Motivation und Herausforderung", sagt Ottmar Hitzfeld.

Und deshalb geht der Gegner, geht den Bayern, die auf ihrer Europatour heuer Bedeutenderes im Sinn haben, schon jetzt auf die Nerven. Ohne dass er was dafür kann. "Das wird ein zerhacktes Spiel", prophezeit Hitzfeld. Schließlich hat er Helsingborg beobachtet, erzählte was von den Stärken von Hansson oder Nilsson oder den hängenden Flügeln, aber herauskommen wird bei all dem wohl ein mühseliges Anrennen gegen eine gut betonierte Abwehr. "Wir brauchen Geduld, Durchsetzungsvermögen und einen starken Willen. Helsingborg ist eine Mannschaft, die das Spiel zerstört und die Räume eng macht", sagt Hitzfeld.

Rat hat er sich bei Patrik Andersson geholt. Der ist immerhin schwedischer Nationalspieler und hat als vorübergehender Informationsbeauftragter zum Thema Helsingborg wie folgt analysiert: "Sie haben es schwer, wenn sie das Spiel selbst machen müssen. Aber sie sind gut organisiert und diszipliniert und lauern auf Konter." Freunde des gepflegten Kicks sind bei solcher Einschätzung des Gegners mit der von den RTL-Zuschauern ausgewählten zeitgleichen Partie Hamburger SV gegen Juventus Turin somit wohl besser bedient. Denn die Leichtigkeit des fußballerischen Seins verkörpern die Münchener derzeit auch nicht, wie die Niederlage in Stuttgart jüngst eindrucksvoll nachwies.

Ein wenig Furcht vor den nordischen Destruktivfußballern haben sie beim FC Bayern wohl auch, weil sie derzeit nicht ihre versiertesten Kräfte aufbieten können. Stefan Effenberg und Jens Jeremies, ein Großteil des Mittelfeldpotenzials, fallen noch mindestens sechs Wochen aus. Dazu auch Paulo Sergio und Alexander Zickler. Giovane Elber trainiert schon wieder fleißig mit, wird aber, weil "die Champions League kein Versuchsfeld ist" (Hitzfeld), in München Aufbautraining absolvieren, während die Kollegen vor 12 000 Zuschauern versuchen werden, einen unerquicklichen Start in die europäische Ballsaison zu vermeiden. Wieder mit dabei sein wird aber Ciriaco Sforza, der sich zuletzt mit Leisten- und Rückenbeschwerden herumärgerte.

Aber egal, wieviele Bänder und Muskelfasern derzeit auch derangiert sind, und egal auch, wieviele sich mit allerlei Spätfolgen herumschlagen - eines ist bei den Spielern des FC Bayern hoffentlich in Ordnung: der Kopf. Denn dann dürfte das in Helsingborg gar kein so großes Problem werden, meint jedenfalls Torwart Oliver Kahn: "Das wird eine reine Kopfsache."

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