FC Schalke 04 : Aufbruch – mal wieder

Mit dem 31 Jahre alten Domenico Tedesco wagt der FC Schalke 04 einen weiteren Neuanfang. Der Auftakt beim BFC gelingt leidlich.

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Positive Verstärkung. Domenico Tedesco spendete seinen Spielern beim Pokalduell gegen den BFC Dynamo auffallend oft Beifall.
Positive Verstärkung. Domenico Tedesco spendete seinen Spielern beim Pokalduell gegen den BFC Dynamo auffallend oft Beifall.Foto: Annegret Hilse/dpa

Berlin - Das Spiel war seit anderthalb Stunden beendet, das Stadion im Jahnsportpark inzwischen komplett leer, da wurden auf Schalker Seite die finalen Vorbereitungen für die Abreise gen Westen getroffen. Die letzten Kisten wurden in den Mannschaftsbus gepackt. „Aufbruch, jetzt?“, rief jemand in die Berliner Nacht.

Aufbruch, jetzt – mal wieder, könnte man sagen.

Beim FC Schalke 04 sind sie echte Meister im Aufbrechen. Jede Saison ein neuer Aufbruch: vor zwei Jahren, als André Breitenreiter neuer Trainer des Fußball-Bundesligisten wurde; vor einem Jahr, als Breitenreiter von Markus Weinzierl abgelöst wurde und Manager Christian Heidel für Horst Heldt kam. Und jetzt wieder, da Weinzierl seinen Platz für Domenico Tedesco räumen musste.

Am Montag hat der neue Trainer sein erstes Pflichtspiel mit Schalke bestritten, es war ein schmuckloses 2:0 in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen den Viertligisten BFC Dynamo. Aber was heißt das schon? Unter Breitenreiter gelang der beste Saisonstart seit 44 Jahren – vor der Entlassung nach nur einer Saison hat ihn das trotzdem nicht bewahrt.

Tedesco verfolgte sein Debüt vor allem stehend, was hinterher als Ausdruck einer gewissen Anspannung gewertet wurde. Gelungene Aktionen seiner Spieler begleitete er mit lobenden Gesten – Daumen hoch, Applaus –, und wenn ihn doch mal der Ärger gepackt hatte, korrigierte er sich umgehend. Am Einsatz seiner Gesten konnte man sehen, worauf Tedesco besonderen Wert legt: Das frühe Pressing, die kollektive Jagd nach dem Ball bedachte er auffallend oft mit Beifall. Das ist ihm wichtig – wie so vielen Trainern seiner Generation.

Mit 31 ist Tedesco der zweitjüngste unter den zunehmend jüngeren Trainern in der Bundesliga. Auch der gebürtige Italiener ist im Nachwuchs sozialisiert worden, ehe er im Frühjahr beim abstiegsgefährdeten Zweitligisten Erzgebirge Aue seinen ersten Job im Profibereich antrat. Dass Tedesco die Mannschaft vor dem fast sicheren Absturz retten konnte, hat, verbunden mit seinem jugendlichen Alter, schon gereicht, um einen der begehrtesten Jobs im deutschen Fußball zu bekommen.

„Er arbeitet sehr akribisch und hat einen sehr guten Kontakt zur Mannschaft“, sagte Manager Heidel. Torhüter Ralf Fährmann sieht das Team auf dem Weg in die richtige Richtung. „Der Trainer hat viele Visionen“, berichtete Fährmann, den Tedesco in der vorigen Woche überraschend zum Kapitän ernannt hatte. Sechs Jahre hatte Benedikt Höwedes, Weltmeister und Ur-Schalker, dieses Amt inne, nun wurde er quasi über Nacht degradiert. Eine mutige Entscheidung des jungen Trainers. Oder doch eine unnötige? In jedem Fall eine, die zeigt, dass Tedesco von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch zu machen gedenkt – und dass er bei Schalke einen echten Neuanfang anstrebt.

Der 31-Jährige hat erst einmal alles auf null gestellt. Das betrifft Höwedes auf der einen Seite genauso wie Jewhen Konopljanka auf der anderen. Der Ukrainer hatte Ende der vorigen Saison gegen den damaligen Trainer Weinzierl gepestet und sich damit eigentlich unmöglich gemacht. Beim 2:0 gegen Dynamo erzielte er beide Tore. Tedesco widersprach der Unterstellung, dass die Wandlung des Widerspenstigen auf seine magischen Kräfte zurückzuführen sei. „Es ist sein Verdienst, nicht meins“, sagte er über Konopljanka. „Er hat richtig viel Lust auf Schalke, Bock auf Wiedergutmachung.“

Konopljanka könnte mit dieser Haltung zur Symbolfigur für eine erfolgreiche Saison der Schalker werden. Auf dem Transfermarkt hat sich der Klub in diesem Sommer verglichen mit früheren Jahren, vor allem dem vorangegangenen, merklich zurückgehalten; der erhoffte Qualitätssprung muss also in erster Linie durch eine bessere Ausnutzung der vorhandenen Ressourcen erzielt werden. „Wir haben eine Mannschaft mit sehr viel Potenzial“, sagte Leon Goretzka, einer der wenigen Krisengewinnler der vergangenen Saison, in der Schalke erstmals seit sieben Jahren die Qualifikation für den Europapokal verpasst hat. „Eine persönliche Entwicklung verläuft eigentlich immer parallel zu der der Mannschaft“, sagte der 22-Jährige. „Das war letztes Jahr nicht so, und das hat extrem viel Kraft gekostet.“

Insofern war es ein gutes Zeichen, dass Manager Heidel der Mannschaft nach dem Spiel in Berlin bescheinigte: „Die Einstellung war von der ersten bis zur letzten Minute top.“ Abstriche bei der fußballerischen Darbietung sind zum derzeitigen Zeitpunkt nicht ungewöhnlich. „Es war nicht sensationell“, sagte Tedesco. „Es war ordentlich.“ Bevor er professioneller Trainer wurde, hat Tedesco Wirtschaftsingenieurwesen studiert und anschließend beim Automobilhersteller Daimler gearbeitet. Sein Job war es, die Fahrgeräusche zu minimieren. Wer für viel Geld einen Mercedes kauft, will schließlich nicht, dass das Auto bei 120 km/h anfängt zu klappern. Etwas Ähnliches erhoffen sie sich bei den Schalkern von Tedesco jetzt auch für das Spiel ihrer Mannschaft. Stefan Hermanns

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