FC Schalke 04 : Jens Keller, das ewige Stehaufmännchen - Ein Fazit

Jens Keller wurde in seiner Zeit beim FC Schalke 04 oft angezählt, doch das "ewige Stehaufmännchen" konnte die drohende Entlassung stets im letzten Moment abwenden. Nun hat es ihn doch erwischt. Ein Fazit nach 22-monatiger Leidenszeit.

Jens Keller ist seit 22 Monaten Trainer auf Schalke. Ruhig war es selten um ihn.
Jens Keller ist seit 22 Monaten Trainer auf Schalke. Ruhig war es selten um ihn.Foto: dpa

Jens Keller mochte nicht mehr. Nein, Trainer des FC Schalke 04 bleiben wollte er schon noch. Aber er mochte nicht mehr über sich sprechen. Auf Fragen, wie er mit den Extremen und den immer wiederkehrenden Diskussionen umgehe, ob er der Richtige für den FC Schalke 04 sei, reagierte der 43-Jährige zunehmend genervt. „Ich habe keine Lust mehr, über meine Person zu reden. Man hat jetzt 22 Monate über mich geredet. Es geht um die Mannschaft und den Verein und nicht um meine Person“, betonte Keller vor dem mageren 1:1-Unentschieden gegen Maribor in der Champions League Ende September.

Nach dem 2:1-Derbysieg gegen Dortmund war „das ewige Stehaufmännchen“ Keller wieder ein Held. Nur eine Woche zuvor, als man beim mageren 2:2 gegen Eintracht Frankfurt erneut den ersten Saisonsieg verpasst hatte, wünschten den Trainer nicht wenige Fans zum Teufel. Kein Wunder, dass Keller das ständige Auf und Ab zuwider war. „Vor zwei Wochen war ich noch entlassen. Heute soll ich unkündbar sein. Das geht mir beides in zu extreme Richtungen.“ Sogar das Zeitungsstudium hatte Keller reduziert, sofern es um ihn ging: „Ich lese nicht mehr allzu viel. Da müsste ich ja den ganzen Tag lesen und könnte mich gar nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren.“ Und das war für Keller die tägliche Arbeit mit der Mannschaft, das Training, die Spielvorbereitung.

Wofür stand Jens Keller? Die Antwort bot der FC Schalke 04 immer dann, wenn der Druck am größten war

Seit der ehemalige U17-Coach von Manager Horst Heldt im Dezember 2012 zum Nachfolger des beliebten Schalker „Jahrhunderttrainers“ Huub Stevens befördert wurde, hatte er mit Vorbehalten zu kämpfen. Zuerst riefen fehlende Ergebnisse sowie mangelnde Ausstrahlung und Charisma die Kritiker auf den Plan. Dann wurde ihm zuweilen vorgeworfen, dass bei den Auftritten des luxuriös ausgestatteten Kaders keine „richtige Handschrift“ des Trainers zu erkennen sei. "Für welchen Fußball steht Schalke unter Keller?“ - das fragten sich Medien, Fans und Fußball-Experten. Pressing und Gegenpressing à la Klopp? Ballbesitz und Spielkontrolle à la Guardiola? Die Antworten gaben die Königsblauen auf dem Platz immer dann, wenn der Druck am größten, die Lage am brenzligsten und Kellers Ablösung vermeintlich beschlossen war. Dann trumpfte das Team auf, bot Topleistungen, holte Überraschungserfolge, landete Befreiungsschläge - wie im März 2013 und auch im Revierderby Ende September. Und zum Saisonende erfüllten Team und Trainer stets die Klub-Vorgaben, erreichten die angestrebten Ziele (Qualifikation für die Champions League). Dies spricht nicht für ein zerrüttetes Verhältnis von Spielern und Trainer, dessen Vertrag bis 2015 lief.

Jens Keller: Gute Leistungen wurden kaum einmal der Arbeit des Trainers zugeschrieben

Gute Leistungen wurden aber überwiegend der individuellen Klasse der Profis und nicht der akribischen Arbeit des Trainers zugeschrieben. Wenn es danebenging, war meist Keller der Schuldige - trotz der ihm zugebilligten mildernden Umstände wegen der Verletztenmisere. Dass Keller bejubelt und kurz darauf wieder infrage gestellt wurde, hatte der Club zumindest mitzuverantworten. Auch wenn die Situation nicht besser war, bevor Heldts vorsorgliche Kontaktaufnahme zum damaligen Mainzer Coach Thomas Tuchel durchsickerte.

Im chronisch nervösen und emotionalen Umfeld auf Schalke ist alles ein wenig extremer. Und Keller verfügte sicher nicht über das Charisma von Bayerns Pep Guardiola oder die rhetorischen Fähigkeiten und das Showtalent von BVB-Coach Jürgen Klopp. Dafür waren Durchhaltevermögen und sein cooler Umgang mit der Dauerkritik mehr als bewundernswert. Nicht nur Clemens Tönnies nötigte das größten Respekt ab: „Je größer der Druck ist, desto ruhiger geht er damit um. Und das ist eine Riesenstärke von ihm.“ Daher sprach der Klubchef kürzlich im Sport1-„Doppelpass“ noch ein Machtwort: „Wir diskutieren nicht über Jens Keller. Er ist unser Trainer und bleibt es auch. Fertig!“ Das Ende ist bekannt, die Leidenszeit des ewigen Stehaufmännchens ist nach 22 Monaten beendet. (dpa)

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