FC St. Pauli : Auf der Reeperbahn mittags um 12

Wer für St. Pauli spielt, kriegt den Kiez als Wohnzimmer gratis dazu. Gerald Asamoah ist neu hier und schaut sich vor dem Derby mit dem HSV mal die Hamburger Partymeile an. Ein Spaziergang zwischen "Dollhouse", Kirchen und Karaoke, der mit Lammkeulen endet.

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Ein Mann und sein Kiez. Gerald Asamoah spielt seit Anfang der Saison für den FC St. Pauli. Foto: INSIDE-PICTURE / Selim Sudheimer
Ein Mann und sein Kiez. Gerald Asamoah spielt seit Anfang der Saison für den FC St. Pauli.Foto: INSIDE-PICTURE / Selim Sudheimer

Sein schönstes Erlebnis fällt Gerald Asamoah ein, als die Große Freiheit schon fast zu Ende ist. Hinter ihm liegt die namhafte Straße im Tiefschlaf, es ist 12 Uhr mittags, Asamoah schlendert in schwarzen Klamotten und schwarzen Turnschuhen hindurch. Lokale wie das „Dollhouse“, in dem abends Damen nackig auf den Tischen tanzen, haben ihn nicht beeindruckt, „nichts Besonderes“, sagt er, aber auf einmal reißt er die Augen weit auf. Die „Thai-Oase“ – da war doch was. „Da haben wir mal Karaoke gesungen“, sagt Asamoah und fasst sich an den Kopf, „I swear“, eine Schnulze der amerikanischen Band „All 4 One“, und Asamoah scheint sich so gerne daran zu erinnern, als sei es der Kracher auf einer Meisterschaftsfeier gewesen.

Reeperbahn. Das ist nun auch sein Kiez, denn wer für den Fußball-Bundesligaklub FC St. Pauli spielt, der bekommt diese Meile als Wohnzimmer dazu. Den Kiez kennt Asamoah jedoch bisher vor allem vom Sofa, erzählt er am Anfang des Bummels am Heiligengeistfeld, wo Asamoah seinen Mercedes geparkt hat, „aus Berichten, Reportagen, Dokus“. Zum Beispiel die Tankstelle, die den Kiez mit Sprit versorgt. Oder den Supermarkt mitten auf der Reeperbahn, in dem sich Partygänger, Junkies, Normalos, einfach alle treffen. „Richtig einschätzen, was hier auf dem Kiez abgeht, kann ich nicht“, sagt Asamoah, „ich hatte auch Angst davor, dass mal einer durchdreht, wenn er betrunken ist. Aber meistens laufen ja Polizisten rum.“

In den ersten Wochen nach seinem Wechsel von Schalke zum Aufsteiger St. Pauli hat Asamoah tatsächlich um die Ecke gewohnt, in einem Hotel in einer Parallelstraße zur Reeperbahn. Mittlerweile hat er ein Apartment in der Hafencity bezogen und sucht gerade nach einem Haus, damit auch seine Familie mit nach Hamburg ziehen kann. Zwei bekannte Gesichter trifft er auf diesem einstündigen Rundgang, sie arbeiten beide in seinem ehemaligen Hotel.

Asamoah, inzwischen 31, war bisher nur auf wenigen Dienstreisen hier, wenn er mal mit Schalke in Hamburg gespielt hat oder auf Besuch war bei seinem Freund Charles Takyi, dem er sich auf Schalke wie einen Bruder angenommen hat und der inzwischen für St. Pauli das Spiel macht. Oder wenn er in seinem Café einmal nach dem Rechten gesehen hat, dem C’asia in der Hafencity. Jetzt spielt Asamoah für St. Pauli, an diesem Sonntag will er nach einer Verletzung endlich in die Saison starten, und würde dabei gleich in einem besonderen Spiel landen, dem Stadtderby gegen den HSV im Stadion am Millerntor.

Einer wie Asamoah hat ihnen noch gefehlt hier. Einer, der gerne tanzt und singt und feiert und trotzdem nur darauf wartet, dass der Schiedsrichter das Spiel anpfeift, damit er sich richtig austoben kann. Und einer mit einem großen Namen und der Erfahrung aus vielen Länderspielen. Die Fans von St. Pauli schienen sich jedenfalls schon vor längerer Zeit in Asamoah verknallt zu haben. Ihre Zuneigung ließen sie bei einem Freundschaftsspiel im Winter raus. Mit scheinbar endlosen Sprechchören. „Erst habe ich gedacht, die wollen mich auf den Arm nehmen. Aber wie lange sie mich gefeiert haben, so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Asamoah, als er inzwischen auf die Reeperbahn eingebogen ist. Ein Argument für ihn, von Schalke nach Hamburg zu wechseln.

Ein anderes war, dass ihn auch der Verein bezirzt hat. „Wie der Trainer um mich gekämpft hat“, das habe ihm mächtig imponiert. Vor allem kann er in Hamburg nun wieder regelmäßig Fußball spielen, auf Schalke gehörte er nicht mehr zur Stammelf. Achtmal durfte er aufs Feld, sechsmal davon wurde er eingewechselt, manchmal erst kurz vor Schluss.

Aus einem Wohnungsfenster winkt ein Mann Asamoah zu, später wollen noch zwei Männer ein Foto mit ihm machen. Viel mehr an persönlichen Begegnungen gibt es nicht in dieser Stunde. „Die Leute hier halten Distanz, das ist sehr stilvoll. Auf Schalke hat dich jeder in den Arm genommen.“ Ein Lokal kommt Asamoah bekannt vor, mit zusammengekniffenen Augen versucht er sich zu erinnern, wann er einmal da war, es muss schon etwas her sein. Am Beatles-Platz schaut er sich ein bisschen um und steckt seinen Kopf in die Silhouette von John Lennon.

Dann geht es in die Große Freiheit, und dass er am Ende der Straße eine Kirche findet, erstaunt ihn sehr. Es wäre für ihn die naheste, aber Asamoah hat bei der Wahl seiner Gemeinde familiäre Verpflichtungen. „Die Tante meiner Frau ist auch Priesterin, bei einer Gemeinde in Wandsbek“, sagt er, „die Gottesdienste finden sonntags um 12 Uhr statt, da kann ich dann direkt nach dem Auslaufen hingehen.“ Kürzlich sind sie sogar mit der ganzen Mannschaft mal in den Gottesdienst gegangen. Seine Gemeinde gehört zur Pfingstbewegung, bei denen es in den Gottesdiensten lebhaft zugeht und in denen viel gesungen wird.

Hinter der Thai-Oase geht es wieder zurück Richtung Heiligengeistfeld, Asamoah dreht sich noch einmal nach einem Junkie um, der auf einer Matratze auf der Straße schläft. „Krass, das ist wirklich krass“, sagt Asamoah. Sein bevorzugtes Ausgehviertel wird das hier nicht, da fühlt er sich im Schanzenviertel wohler. Und Asamoah erzählt von einem griechischen Restaurant dort, in dem die Bedienung am Ende von jedem für die riesige Fleischportion inklusive Getränke nur fünf Euro haben wollte, weil sie eben Fußballspieler sind und zur Mannschaft gehören, zur richtigen, zu St. Pauli. „Fünf Euro“, sagt Asamoah, „das gibt’s doch gar nicht, und die Lammkeule war super.“ Am nächsten Tag ist er wieder hingegangen.

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