FC St. Pauli : Die Liga des außergewöhnlichen Fußballvereins

Sie sind die Freibeuter der Liga, Underdogs, die es den Großen zeigen wollen. Das ist die Philosophie des FC St. Pauli, des etwas anderen Fußballvereins. Und zugleich ein Dilemma. Wie viel Anderssein verträgt ein Verein im Profigeschäft?

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Der letzte Schrei. Sogar in New York hat der FC St. Pauli einen Fanklub, zig weitere in Europa und überall in Deutschland.
Der letzte Schrei. Sogar in New York hat der FC St. Pauli einen Fanklub, zig weitere in Europa und überall in Deutschland.Foto: dpa

Der Weg zur Erkenntnis führt ganz am Ende noch über einen klebrigen schwarzen Plastikboden hinweg durch einen engen Gang. Vorbei an grauen Wänden und vielen Türen. Und erst wenn es nicht mehr weitergeht, dann ist er zu sehen, dieser Spruch. Weiß auf Schwarz: „Die Freibeuter der Liga.“ Und daneben ist der Totenkopf.

So dick und groß ist dieser Spruch, als müssten sich die Spieler des FC St. Pauli hier unten vor ihrer Mannschaftskabine, in der sie sich alle zwei Wochen bereit machen zum Entern, noch einmal daran erinnern. Daran, dass sie anders sind als die, gegen die sie gleich auflaufen.

Warum auch nicht? Im immer durchgestylteren Geschäft mit dem Fußball können sich Piraten, Underdogs, Andersdenkende schon mal verirren, und sie laufen dann Gefahr sich zu verlieren.

Einer, der sich nicht verläuft, steht auf dem Vorplatz des Millerntorstadions, und vor ihm stehen sechs Leute im Halbkreis. „Hallo, freut mich, dass ihr da seid“, sagt Klaus Eder. Er hat sich in seiner leicht verdreckten lilafarbenen Cordhose und der karierten Jacke ein wenig verspätet, aber jetzt geht seine Führung durchs Stadion los. Kostenpunkt: neun Euro fünfzig, Anmeldung per Internet oder Telefon. „Dann lasst uns mal starten“, sagt Eder.

Und wie das Grüppchen sich so dem Stadion nähert, bleiben die Blicke an der opulenten Glasfassade des Backsteingebäudes haften – eine Front, wie sie auch am Potsdamer Platz in Berlin zu sehen sein könnte. Es ist die Südseite des Millerntorstadions, wo auch die Geschäftsstelle, ein Fanshop und das Klubheim ihr Zuhause gefunden haben. Über dem Haupteingang prangt das offizielle Wappen des Vereins – die Burg auf rotem Grund umrandet vom Schriftzug „FC St. Pauli 1910“.

Klaus Eder geht vorneweg. Das heißt, eigentlich begleitet und unterhält er seine Gäste eher. Zur Besichtigung bekommt man bei ihm gleich seine halbe Lebensgeschichte mitgeliefert. Und die passt auch. Denn es ist eine Geschichte vom Anderssein.

Sein 34 Jahre langes Leben ist maßgeblich geleitet vom FC St. Pauli, auch wenn man das zunächst gar nicht vermuten würde, so bayerisch, wie er klingt. Sein Dialekt verrät immer noch seine Herkunft: Regensburg. Eine Stadt in der Oberpfalz, die Klaus Eder schnell zu klein und zu übersichtlich wurde. Was sollte er noch in einer Stadt, in der er sich oft ausgegrenzt fühlte, wenn er doch woanders ein Leben führen könnte, das gerade durch Dazugehörigkeit interessant wird?

Also kündigte Klaus Eder vor zehn Jahren seinen Job bei einer Heizungsbaufirma und setzte sich nur mit einem Rucksack bepackt in einen Zug Richtung Hamburg. Wo er unterkommen sollte, wusste er da noch nicht, warum er gerade hierhin aufbrach, schon: Er wollte zu dem Verein, dem er sich auch im fernen Bayern nah fühlte. Dorthin, wo es sich für einen „kleinen Punker“, wie er sich manchmal selbst nennt, gut aushalten lässt. Und bald fand er auch eine passende Unterkunft. Mitten im Kiez, ganz in der Nähe der Davidwache. Direkt über einer Kneipe namens Skorbut.

Während er seinen Gästen davon zu erzählen beginnt, startet – wie um Klaus Eder recht zu geben – in Regensburg gerade das Kulturfest im Stadtpark. Musik von Regensburgern für Regensburger, versprechen die Veranstalter. Mehr Ausgrenzung geht nicht. Und der Regensburger in Hamburg verspricht seinem Publikum ein buntes, spaßiges Programm in einem Stadion, „das nicht ist wie alle anderen Arenen“.

Das Millerntorstadion auf dem Heiligengeistfeld, das seit ein paar Jahren nun schon modernisiert wird, soll die Philosophie des Klubs spiegeln, tatsächlich steht es aber auch für sein Dilemma. Wie viel Anderssein verträgt ein Verein im Profifußball?

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