Fecht-EM : Rote Lämpchen für Deutschland

Bei der Fecht-EM in Leipzig holen die Gastgeber doppelt so viele Medaillen wie erhofft und sind in allen Disziplinen erfolgreich.

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Jörg Fiedler und die Degenmänner holten im Sudden Death Bronze.
Jörg Fiedler und die Degenmänner holten im Sudden Death Bronze.Foto: dpa

So eine Europameisterschaft im eigenen Land kann ihre Vor- und Nachteile haben, wie der deutsche Degenfechter Jörg Fiedler feststellen musste. Am Sonntag saß er nach seinem frühen Aus im Einzelwettbewerb frustriert vor der Arena Leipzig in der Sonne, als er plötzlich verschämt beide Hände vors Gesicht hielt und sagte: „Oh, Scheiße.“ Er hatte einen Zuschauer entdeckt, der verspätet auf die Halle zustrebte. „Das ist mein Bruder aus Berlin“, erklärte er, „er will mich fechten sehen.“

Am Donnerstag aber saß sein Bruder erneut in der Halle. Er war pünktlicher erschienen als am Sonntag, doch Jörg Fiedler hatte es ohnehin mit dem deutschen Team weit geschafft: Bis zum Duell um Platz drei. Darin musste der Leipziger im Sudden Death den letzten und entscheidenden Punkt ausfechten. „Das ist dann auch Glück“, sagte Jörg Fiedler, „entweder leuchtet meine Lampe oder seine Lampe.“ Es war seine eigene, die rot aufleuchtete. Mit 35:34 siegte das deutsche Degenteam der Männer über die Schweiz und gewann somit am Schlusstag der Europameisterschaft in Leipzig die sechste Medaille für den Deutschen Fechter- Bund. „Das ist ein hervorragender Erfolg für den deutschen Verband“, sagte Thomas Bach. Der ehemalige Fechter und Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes war zum Finaltag erschienen, um sich über das Niveau der Europameisterschaft zu informieren. „Leipzig ist seinem Ruf als guter Gastgeber organisatorisch und menschlich gerecht geworden“, urteilte Bach.

Mindestens drei Medaillen hatte sich der Deutsche Fechter-Bund von der EM erhofft, am Ende sind es doppelt so viele geworden. „Ich bin aber kein Freund des Medaillenzählens“, sagte Gordon Rapp, Präsident des Deutschen Fechter-Bundes, „wichtiger ist, dass wir den finanziellen Sockel erhalten, um alle sechs Disziplinen fördern zu können.“ Dies dürfte durch die Ergebnisse von Leipzig gelungen sein. Dabei ragte das Säbelfechten, das in den vergangenen Jahren kaum etwas Positive zur deutschen Bilanz beigetragen hatte, mit drei Medaillen heraus. Nicolas Limbach (Silber), Sybille Klemm (Bronze) und die Männermannschaft (Bronze) errangen die Hälfte aller Medaillen. Auch die Degenmannschaft der Männer stand erstmals seit 2005 wieder bei einem Großereignis auf dem Podest. „Wir haben gezeigt, dass wir auch Medaillen holen können“, freute sich Jörg Fiedler. Neben Silber durch die Florettmannschaft der Frauen ragte die Goldmedaille durch die Degenfechterin Imke Duplitzer heraus. „Es ist sehr angenehm, dass wir über alle Disziplinen erfolgreich sind“, sagte Manfred Kaspar, Sportdirektor des Deutschen Fechter-Bundes. Nur im Florettfechten der Männer gab es für die Deutschen keine Medaille. Dabei hatten sie in dieser Disziplin zu den Favoriten gezählt.

„Die Florettmänner haben eine Erfolgspause eingelegt“, sagte Manfred Kaspar. Er findet das mäßige Abschneiden des Teams um den dreimaligen Weltmeisters Peter Joppich und des Olympiasiegers Benjamin Kleibrink nicht tragisch. „Peter Joppich hatte zwei Wochen vorher einen Virus“, sagte der Sportdirektor, „das wäre zumindest eine physische Erklärung für seine Leistung.“ Doch er wolle keine Ausreden für das Abschneiden bemühen. Das gelte auch für Britta Heidemann, die erstmals seit Jahren von einem Großereignis ohne Medaille zurückgekehrt ist. Sie litt an einer Patellasehnenreizung, die sie in ihren Angriffsaktionen einschränkte. Kaspar hofft, dass Heidemann und die Florettmänner nun umso motivierter in die WM im November in Paris gehen werden. „Britta Heidemann ist heute noch genauso Olympiasiegerin wie gestern“, sagt der Sportdirektor, „kein Fechter wird sich freuen, wenn er bei der WM gegen sie ausgelost wird.“

Doch insgesamt ist die Spitze im Fechten breiter geworden, was es für die Favoriten schwerer macht. „Von drei Topleuten kommt einer durch“, sagt Manfred Kaspar. Im deutschen Team ist das Imke Duplitzer gelungen. „Ich bin gegen sämtliche Leute durchgekommen, die mir in den letzten Jahren die Hose vollgehauen haben“, sagte die streitbare Degenfechterin nach dem zweiten EM-Titel ihrer Karriere. Als Favoritin sieht sie sich für die WM trotzdem nicht. Immerhin hat diese EM neben einer Goldmedaille noch etwas nicht Unwichtigeres gebracht, die 34 Jahre alte Sportsoldatin sagt: „Ich habe wieder Spaß am Fechten gefunden.“ Imke Duplitzer will nun noch ein paar Jahre weitermachen. Leipzig sei’s gedankt.

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