Fehler im System : Die verlorene Medaille

Thomas Grimm hatte sich so über seine Goldmedaille gefreut. Doch nach der Siegerehrung wurde dem Schwimmer der Sieg über 100 Meter Brust wieder aberkannt. Noch härter traf es jedoch seinen Teamkollegen Niels Grunenberg. Ihm blieb am Ende nur ein Blumenstrauß.

Benedikt Voigt[Peking]
Paralympics - Schwimmen - Thomas Grimm wurde Gold aberkannt
Hier weint Thomas Grimm noch vor Freude. Nach der Siegerehrung wurde ihm Gold wieder aberkannt, doch ihm blieb wenigstens Silber.Foto: dpa

Beim Namen „Grimm” horcht ein Athlet im Schwimmstadion auf. Er sitzt in einem Rollstuhl in der ersten Reihe, doch das aktuelle Rennen im Wasser interessiert den Mann mit den kurzen Haaren und der Tätowierung “Athen 2004“ auf dem rechten Oberarm plötzlich weniger als das Gespräch eines Journalisten mit einem deutschen Schwimmtrainer. Es geht um die seltsamen Ereignisse vom Vorabend, als Thomas Grimm bei der Siegerehrung Gold erhielt – und dann auf Silber zurückgestuft wurde. „Was ist denn der Stand?“, will der Mann mit den kurzen Haaren wissen, „ich hätte nämlich die Bronzemedaille erhalten.“

Niels Grunenberg ist der eigentliche Leidtragende dieser seltsamen Affäre. Er hatte am Vorabend die Bronzemedaille für das Rennen über 100 Meter Brust der Startklasse SB 5 im Nationalen Schwimmstadion um den Hals gehängt bekommen. „Während der Siegerehrung hörten wir plötzlich die Mexikaner jubeln“, erinnert sich Schwimmtrainer Mathias Ulm, „aber wir wussten nicht, was das bedeutet.“ Erst anschließend erfuhr es Niels Grunenberg: Einem Protest der Mexikaner war stattgegeben worden, die Disqualifizierung des erstplatzierten Mexikaners Pedro Rangel war zurückgenommen worden – Thomas Grimm rutschte auf Rang zwei, Niels Grunenberg auf Rang vier. „Die Medaille habe ich zurückgegeben, ich bin ja fair“, sagte er, „aber den Blumenstrauß habe ich in den Mülleimer geworfen, dazu stehe ich.“

Grunenberg der eigentliche Leidtragende

Es könnte nicht der erste Blumenstrauß bei den Paralympischen Spielen sein, der im Mülleimer gelandet ist. Bereits die Siegerehrung im Rollstuhlrennen über 5000 Meter der Frauen der Klasse 54 ist für ungültig erklärt worden, das Rennen musste nach einem Protest wiederholt werden. Trotzdem will der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) darin kein organisatorisches Problem sehen. „Sehen Sie die positiven Fälle, wir verteilen hier hunderte von Medaillen“, sagte Philip Craven dem „Tagesspiegel“, „in 99 Prozent der Fälle passieren keine Fehler.“ Er gibt zwar zu, dass so etwas nicht vorkommen dürfe. „Ich entschuldige mich bei den Sportlern, aber Fehler kommen vor, wir sind alle nur Menschen“, sagte der IPC-Präsident, „wir in der Paralympischen Bewegung lernen aus unseren Fehlern.“ Doch genau das scheint nicht der Fall zu sein.

Dass der gleiche Fehler zweimal passieren konnte, erklärt Philip Craven mit den unterschiedlichen Sportarten Schwimmen und Leichtathletik. „Bei Paralympischen Spielen gibt es nur wenig Zeit voneinander zu lernen, es gibt nur wenige Verbindungen zwischen den Sportarten“, sagte der IPC-Präsident. Immerhin ist der Oberschiedsrichter im Schwimmen nach diesem Vorfall abgelöst worden.

Oberschiedsrichter wurde abgelöst

Die deutschen Schwimmer störten sich vor allem daran, dass dem Protest überhaupt stattgegeben worden ist. Der Mexikaner war von einem Kampfrichter wegen Tauchens disqualifiziert worden – doch das wurde zu spät bekannt gegeben. Kurzzeitig war Pedro Rangels Name als Sieger auf der Anzeigetafel erschienen. Womit  das Ergebnis nach dem Regelwerk des Schwimmverbandes festgestanden hat. „Die Schwimmer können doch nicht durch einen technischen Fehler des Kampfgerichts bestraft werden“, sagt Trainer Mathias Ulm. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hat einen Beschwerdebrief an das IPC geschrieben, der aber sportrechtlich keine Auswirkung hat.

Niels Grunenberg hofft trotzdem, seine Bronzemedaille zurückzubekommen. Ihm liegt die Angelegenheit mehr am Herzen als Thomas Grimm. Dieser hatte immerhin Silber erhalten und beendet nach diesen Spielen seine Karriere. „Er will sich damit nicht mehr belasten“, sagt Trainer Mathias Ulm. Niels Grunenberg aber sagt: „Ich denke, dass unser Verband den richtigen Weg geht, wir warten ab.“ Doch es sieht nicht gut aus. „Die Regeln des Verbandes sind befolgt worden, technisch ist dieser Fall abgeschlossen“, sagt IPC-Sportdirektor David Grevenberg. Bleibt nur noch der Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS, eine Entscheidung darüber ist noch nicht gefallen.

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