Fehlstart in der Bundesliga : Ende des Hertha-Durchmarschs

Hertha BSC wollte den Schwung aus der Zweiten Liga mitnehmen – stattdessen hat das 0:1 gegen Nürnberg erste Zweifel an der Qualität des Teams aufkommen lassen.

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Hertha braucht Trost. Nur Herthino lächelt nach der Niederlage gegen Nürnberg – weil er keinen anderen Gesichtsausdruck im Repertoire hat. Raffael ist nachhaltig erschüttert von einem Spiel, in dem Hertha meistens hinterherlief. Foto: dapd
Hertha braucht Trost. Nur Herthino lächelt nach der Niederlage gegen Nürnberg – weil er keinen anderen Gesichtsausdruck im...Foto: dapd

Maik Franz zuckte zum Abschied mehrmals mit den Schultern. „Was soll ich euch denn erzählen?“, schien die Geste zu bedeuten. „Ihr habt es doch selbst gesehen.“ Peter Niemeyer schwieg und grübelte. „Wenn wir eine Lösung gefunden hätten, hätten wir eingreifen können“, sagte der Mittelfeldspieler von Hertha BSC. „Das haben wir nicht geschafft, auch untereinander nicht.“ Und am Tag danach, mit etwas Abstand und dem Blick eines Trainers sozusagen? Pause. „Es ist schön, dass ich noch kein Trainer bin“, sagte Niemeyer. Auch am Morgen nach der 0:1-Niederlage gegen den 1. FC Nürnberg wirkten die Berliner immer noch so ratlos wie am Abend zuvor auf dem Platz.

„Man dachte, jetzt geht’s los“, sagte Niemeyer, „die Vorfreude war bei allen riesig.“ Und dann erlebte Hertha den schlechtesten Wiedereinstieg in die Bundesliga, der sich nur denken ließ: Das frustrierende Ergebnis wurde begleitet von einer erschreckenden Darbietung auf dem Platz. Spielerisch ging bei der Mannschaft von Markus Babbel gar nichts zusammen. „Wir haben uns nichts zugetraut“, sagte Herthas Trainer. In 90 Minuten sprang bei den hilflosen Bemühungen der Berliner keine einzige Chance heraus. So etwas ist in den vergangenen zehn Jahren nur zwei anderen Mannschaften widerfahren: dem FC St. Pauli und Eintracht Frankfurt, beiden in der vergangenen Saison – und beide spielen nun in der Zweiten Liga.

Hertha gegen Nürnberg in Bildern
Der Nürnberger Neuzugang Tomas Pekhart (r.) erzielte gegen Hertha BSC in der 80. Spielminute das einzige Tor des Spiels. Lewan Kobiaschwili (m.) kann es nicht fassen. Foto: dpaAlle Bilder anzeigen
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06.08.2011 23:12Der Nürnberger Neuzugang Tomas Pekhart (r.) erzielte gegen Hertha BSC in der 80. Spielminute das einzige Tor des Spiels. Lewan...

„Ich habe schon gehört, Hertha kann sich gleich wieder in der Zweiten Liga anmelden“, berichtete Kapitän Andre Mijatovic am Sonntag. Natürlich sind solche Prognosen nach einem Spieltag ähnlich verlässlich wie eine Wettervorhersage für den kommenden April. Aber dass schon nach dem ersten Spieltag ein paar Zweifel an Herthas Erstligatauglichkeit aufgekommen sind, lag vor allem am Zustandekommen der Niederlage. Was am Samstag im Olympiastadion insbesondere in der ersten Halbzeit zu sehen war, wirkte wie Fußball aus einer anderen Zeit. Die Bälle wurden hoch und weit nach vorne gebolzt, den Zuspielen fehlte jegliche Präzision, und der kärgliche Rest von Kombinationsfluss erstickte in einer Orgie von Fouls. „Ich weiß, dass es nicht das war, was wir draufhaben“, sagte Maik Franz.

Das ist zu hoffen, denn die taktischen Mängel, die sich in Herthas Spiel offenbarten, waren erschreckend. „Die Zweikampfstatistik sagt alles“, sagte Franz. Nur 38 Prozent der direkten Duelle konnten die Berliner für sich entscheiden. Andre Mijatovic klagte über „zu viel Alibifußball“. Die Abstände waren sowohl in der Länge als auch in der Breite zu groß, und die Berliner fanden keine Antwort auf den Plan der Nürnberger, Andreas Ottl als Passgeber aus dem Spiel zu nehmen und damit den kompletten Aufbau bei Hertha lahmzulegen. Die Flut an langen Pässen drückte eine gewisse Verzweiflung aus. Und wenn der Ball doch einmal bei einem von Herthas Angreifern landete und das undurchdringliche Mittelfeld überbrückt war, rückte der Rest der Mannschaft einfach nicht nach.

Nürnberg spielte auch nicht überragend

„Von solchen Spielen hat man zwei, drei oder vier in der Saison“ sagte Franz. „Dass es gleich das erste war, ist für alle extrem enttäuschend und ärgerlich.“ Der Plan sah jedenfalls anders aus. Babbel hatte in der Vorbereitung – entgegen der allgemeinen Bescheidenheit im Verein – drei Siege aus den drei Auftaktspielen gegen Nürnberg, in Hamburg und in Hannover als Ziel ausgegeben. Hertha wollte den Schwung aus der souveränen Zweitligasaison mitnehmen, wie es auch anderen Aufsteigern in der Vergangenheit schon gelungen ist. Kaiserslautern startete 1997 mit einem Sieg gegen Bayern, genauso wie Mönchengladbach vier Jahre später, und der MSV Duisburg gewann 2007 zum Saisonauftakt in Dortmund.

Herthas Durchmarsch aber wurde denkbar früh gestoppt, und das nicht etwa von einer Größe wie Bayern, Dortmund oder Leverkusen, sondern von einem Gegner, der nach dem Verlust seiner drei wichtigsten Spieler eigentlich als gleichwertig eingeschätzt worden war. „Die Nürnberger sind auch keine Klasse besser als Bochum und Co.“, sagte Peter Niemeyer, also in etwa auf dem Niveau, das Hertha aus der Vorsaison eine Klasse tiefer gewohnt war. Genau das machte die Niederlage noch ein bisschen schwerer erträglich. „Es ist schon eine gewisse Ernüchterung da“, berichtete Niemeyer.

Markus Babbel führte die unzureichende Darbietung seiner Mannschaft auf „zu viel Respekt vor dem ersten Spiel, dem Gegner, dem Publikum“ zurück. Aber Hertha hätte nicht zwingend von der Situation überfordert sein müssen. Von Pierre-Michel Lasogga abgesehen, fand sich in Herthas Startelf kein einziger Spieler ohne Bundesligaerfahrung, und eine Kulisse von 60 000 Zuschauern und mehr kennen die Berliner auch schon aus der vergangenen Saison. „Vielleicht sind wir mit zu viel Gedanken ins Spiel gegangen, ob wir wirklich gut sind“, sagte Andre Mijatovic. „Vielleicht haben wir Nürnberg überschätzt.“ Von solchen Gedanken könnten die Berliner nach dem Saisonstart noch häufiger geplagt werden.

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