Sport : Feiertag im Busch

Die Galopp-Welt blickt auf den Melbourne Cup.

Ulrich Nickesen

Berlin - Am ersten Dienstag im November gibt es in Australien, speziell im Bundesstaat Victoria mit seiner Hauptstadt Melbourne, nur ein Thema: den Cup. Mehr als 100 000 Zuschauer werden sich auf der Rennbahn Flemington einfinden, um die unvergleichbare Atmosphäre des seit 1861 ausgetragenen Rennspektakels live zu erleben. Nicht nur in Melbourne herrscht Ausnahmestimmung, denn auf dem ganzen Kontinent gibt es kaum jemanden, der sich dem Rennfieber entziehen kann. Nicht einmal die Politiker, die – und das ist weltweit einmalig – ein sportliches Ereignis zum Anlass für die Einführung eines gesetzlichen Feiertages nahmen, zumindest im Staat Victoria.

Für die Attraktivität des Melbourne Cups lassen sich gute Gründe finden. Das Rennen führt über die Steherdistanz von 3200 Metern, immer starten 24 Galopper, vor allem aber wird es als Handicap gelaufen, das heißt, mit unterschiedlichen Gewichten, wobei eine Differenz von zehn Kilogramm zwischen dem vermeintlich besten und dem als schwächsten eingeschätzten Vollblüter keine Seltenheit ist.

Es wird spannend, bisweilen sogar dramatisch. Darüber hinaus hat die Gewinnsumme von sechs Millionen australischen Dollar (umgerechnet 4,2 Millionen Euro) das einstige „Buschrennen“ in die Top Five der höchstdotierten Galopprennen auf dem Globus katapultiert. Waren die Australier und Neuseeländer bis vor 25 Jahren quasi noch unter sich, treten heute Spitzenpferde aus allen Ländern die weite Reise mit Erfolg nach Melbourne an. Dennoch gelang erst 1993 der Durchbruch für die Gäste, als Vintage Crop aus Irland das schwierige Rennen gewann. Inzwischen haben sich die Aussies an die Gästesiege gewöhnen müssen, wohl wissend, dass noch keines der Gastpferde einen Legendenstatus erreichen konnte, wie etwa Phar Lap (Sieger 1930) oder Makybe Diva. Diesem Pferd gelang zwischen 2003 und 2005 erstmals ein Dreifachtriumph im „Rennen, das eine Nation stoppt“.

Stillstand ist die treffende Bezeichnung für das wertvollste Handicaprennen im Rennsport; ab 15 Uhr Ortszeit Melbourne (MEZ 5 Uhr) heißt es nur noch: „Es ist Zeit für den Cup.“

In diesem Satz drückt sich mehr aus, als die Faszination für ein dreieinhalbminütiges Galopprennen: Vielmehr spiegelt sich darin die Identifizierung einer Nation durch eine Sportveranstaltung. Oder anders formuliert: Ein Land – ein Rennen. Ulrich Nickesen

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