Felix Neureuther : Das Feuer ist zurück

Felix Neureuther litt lange unter der Bürde seines berühmten Namens und war kurz davor, seine Karriere zu beenden. Nun hofft er auf eine Olympiamedaille im Slalom.

Matthias Bossaller

Die Nachricht über die Gold-Fahrt von Maria Riesch erfuhr Rosi Mittermaier auf einer Tiroler Skipiste. Das Liftpersonal hatte ihr von Rieschs Sieg in der Super-Kombination bei den Olympischen Winterspielen berichtet. Mittermaier, die Doppel-Olympiasiegerin von 1976, freute sich: "Für Deutschland ist das ganz wichtig, der Skisport braucht das dringend." Eine Medaille würde sie sich auch für ihren Sohn Felix Neureuther wünschen.

Riesch und Neureuther wuchsen ganz in der Nähe voneinander auf, sind gleich alt und fahren gemeinsam für den SC Partenkirchen. Sie galten als die Zukunft des alpinen Skisports in Deutschland, der nach den erfolgreichen Zeiten von Markus Wasmeier, Katja Seizinger und Hilde Gerg wenige Siegläufer vorbringen konnte. Riesch hat die Erwartungen an sie übererfüllt, Neureuther fährt noch hinterher. Sie gewann trotz zweier Kreuzbandrisse etliche Weltcuprennen, einen WM-Titel und nun Gold bei Olympia. Er zeigte gute Ansätze, fuhr mehrmals aufs Podest, der große Wurf gelang dem Slalomspezialisten nicht. Er blieb das Talent.

Dann kam der 24. Januar 2010: In Kitzbühel, wo sein Vater Christian vor 31 Jahren den letzten seiner sechs Weltcupsiege gefeiert hatte, gewann Felix sein erstes Weltcuprennen. Auf diesen Tag hatte er sehnlich gewartet, der Sieg wirkte wie eine Erlösung. "Da ist eine unheimliche Last von mir abgefallen. Das hat mein Selbstvertrauen gestärkt", sagt der 25-Jährige, der in Vancouver seine gute Form bestätigt. Im Riesenslalom landete er überraschend auf Platz 8 – sein bislang bestes Ergebnis in dieser Disziplin. Für das olympische Slalomrennen am Samstag (1. Lauf: 19.00 Uhr, 2. Lauf: 22.45) zählt er plötzlich zum Kreis der Medaillenanwärter. "Wenn ich meine Leistung abrufe, kann ich ganz weit vorne landen. Das ist ein schönes Gefühl."

Bis vor Kurzem nagten negative Gedanken an ihm. Neureuther war kurz davor, seine Karriere zu beenden. Die Ergebnisse stimmten nicht, er verkrampfte. "Ich habe über alles nachgedacht und mich gefragt, ob das alles noch einen Sinn hat", sagt er. Seine Eltern hätten seinen Entschluss, den Spitzensport aufzugeben, bereits akzeptiert. Doch dann kam die aufmunternde E-Mail eines Freundes, "der alles auf den Punkt gebracht hat". Der Sieg von Kitzbühel tat sein Übriges. Neureuther bewältigte die mentale Krise. "Das Feuer kam zurück", sagt er.

Felix Neureuther und seine Schwester Ameli standen schon auf Skiern, als sie kaum dem Windelalter entwachsen waren. Kein Wunder, lagen doch die Berge direkt vor der Haustür und die Eltern waren deutsche Skilegenden. Aus Felix wäre wahrscheinlich auch ein brauchbarer Fußballer geworden. Er schaffte es sogar bis in die Bayern-Auswahl. Der Fußballnationalspieler Bastian Schweinsteiger ist ein guter Kumpel von ihm. Der kleine Felix entschied sich jedoch früh dafür, Skirennläufer zu werden. Von seinen Eltern sei dabei nie ein Zwang ausgegangen. Sie waren eher darum bemüht, ihre Kinder vom Rampenlicht fernzuhalten. "Wir wollten immer eine ganz normale Familie sein, bloß keine Promis", sagt der Vater.

Doch auch wenn die Eltern stets versuchten, den Druck und die Erwartung zu dämpfen – für Felix war der Name Neureuther mehr Bürde als Wegbereiter. Schon von klein auf musste er sich anhören: "Du musst in die Fußstapfen deiner Eltern treten, du musst Rennen gewinnen." Zunächst gelang das auch. Mit jugendlicher Unbekümmertheit stieß er in die Weltelite vor. Der Deutsche Skiverband nominierte ihn als 18-Jährigen für die WM 2003 in St. Moritz. Er stand für die Zukunft des deutschen Herrenskisports. Deshalb durfte er 2006 zu den Olympischen Spielen mit, obwohl er nur die Hälfte der Qualifikationsvorgaben erfüllt hatte. In Turin schied er jedoch zweimal aus und kam "als ganz kleiner Mann heim".

Wie groß der Druck des prominenten Namens sei, habe man selbst in der Familie nicht gewusst, sagt Vater Christian. "Diese Belastung hat man nach außen immer heruntergespielt, aber es ist klar, dass sie bei so einem sensiblen Buben nicht spurlos vorbeigehen kann."

Felix Neureuther scheint neuerdings mit dem Druck besser umgehen zu können, wie die jüngsten Ergebnisse zeigen. Die Spiele in Vancouver genießt er schon jetzt mehr als Olympia 2006. Und vielleicht geht sogar der Wunsch von Mama Rosi am Samstag in Erfüllung.

Quelle: ZEIT ONLINE

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