Sport : Felix und die Pfennigfuchser

Bleibt Trainer Magath nach der Qualifikation für die Champions League beim VfB Stuttgart?

Martin Hägele

Stuttgart. Die alte Frau vorm Stadion fasste den Reporter an der Hand: „Geht der Magath wirklich, was meinen Sie, ganz ehrlich?“ Es sehe ganz nach Abschied aus, antwortete der Journalist. Dann müsse man etwas unternehmen gegen den VfB-Vorstand, sagte die Frau. „Jetzt betrügen sie uns schon wieder, sie wollen den besten Trainer, den wir jemals besaßen, wegekeln – und sich selbst wichtig machen.“

Als die Frau eine halbe Stunde vor dem Saisonfinale gegen den VfL Wolfsburg in den Massen vorm Gottlieb-Daimler-Stadion verschwand, hatte sie Tränen in den Augen. Es lag eine seltsame Stimmung über der Mercedesstraße. Denn eigentlich waren die 50 000 Menschen vor allem deshalb gekommen, um noch einmal eine Party und das beste VfB-Jahr seit langem zu feiern. Eigentlich wollte das Publikum der Mannschaft seinen Dank abstatten, es sollte nämlich auch eine Demo sein, dass man im Schwabenland stolz war auf den dritten Platz hinter den neuen und alten Meistern aus München und Dortmund und selbstbewusst genug, zu Beginn der nächsten Saison die Qualifikation für die Champions League nachzuholen.

Joachim Löw kannte diese Atmosphäre. Er hatte sie im Mai 1998 verspürt, am eigenen Leib und mehr als jeder andere. Damals standen die Stuttgarter in Göteborg im Europapokalfinale der Pokalsieger. „Doch es ist nicht über den Gegner Chelsea und die große Chance des VfB diskutiert worden“, erzählte Löw fünf Jahre danach. „Man hat eine Trainerdebatte angezettelt.“ Auch Löw war ein Fußball-Lehrer, wie ihn das Volk in Cannstatt liebte. Er wurde seinerzeit von Gerhard Mayer-Vorfelder, dem alten Klubpatron, auf dem Höhepunkt der letzten VfB-Erfolgsgeschichte gemobbt.

Löw unterschreibt vermutlich in dieser Woche einen Vertrag beim FC Zürich, und er kann den Schweizern nun erzählen, dass er am Samstag ein Wunder erlebt hat. Um 17.19 Uhr war auch Felix Magath „zum Heulen zumute“, später sprach er davon, „dass es doch einen Fußball-Gott gibt“. Das lag an einem ehemaligen Stuttgarter, Timo Rost, der in Dortmund das 1:1 für Energie Cottbus erzielt hatte – jenes Tor, das Borussia Dortmund am Ende den zweiten Platz kostete und den VfB auf direktem Weg in die Champions League brachte.

Jetzt wurde gefeiert in Stuttgart. Die VfB-Macher Manfred Haas und Dieter Hundt fingen Magath gleich am Spielfeldrand ab. Und der, was Emotionen betrifft, sonst äußerst reservierte Zeitgenosse Magath ließ sich herzen und halste selbst zurück. Jene Männer, die er in den Tagen zuvor als Pfennigfuchser, Sparmanager und nur aufs persönliche Image orientierte Wirtschafts-Karrieristen hingestellt hatte, wohingegen er seinen Stellenwert ganz anders sah: „Der Trainer ist hier doch immer der Arsch.“

Die acht, zehn oder noch mehr Millionen Euro, die nun aus der Champions League bald abgebucht werden können, haben das zum Zerreißen gespannte Verhältnis zwischen den Zahlenmenschen und dem Fußball-Experten im Klub wieder gekittet. Durch das Zauberwort Champions League sind die Chefs Hundt und Haas von jenen Ängsten befreit worden, „die sich vor den Gesprächen mit Felix Magath wie eine Schlinge um unseren Hals gelegt haben“.

Auch Magath hat zugegeben, dass er mit seiner Kritik an den Funktionären und der daraus entstandenen Diskussion um seine Zukunft gepokert hat – auch, um von der vorm großen Saisonfinale plötzlich schwächelnden Mannschaft abzulenken. Wenn sich Vorstand und Aufsichtsrat nun dieser Tage gegenübersitzen, muss Magath nicht mehr pokern. Die Herren Hundt und Haas und auch der designierte Vorstandsvorsitzende Erwin Staudt wissen, dass sie Magath entgegenkommen müssen beim Finanzierungsrahmen eines Champions-League-Teams.

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