Sport : Fernando Morientes, Prinz

Er ist einer der besten Stürmer der Welt – aber kein Gott, und deshalb nicht gut genug für Real Madrid

Wolfram Eilenberger

Fernando Morientes (Foto: dpa) ist ein gescheiterter Spieler, ein gefallener Stern. Für einen spanischen Nationalstürmer im besten Fußballeralter, der wiederholt Meisterschaft, Champions-League und Weltpokal gewann, mag dieses Urteil wie eine überdrehte Unverschämtheit klingen. Und das ist sie auch. Vor allem aber ist dieses Urteil wahr – wahr in den Augen von Fernando Morientes. Sein trotziger Unwille, den sicheren Sitz auf der Ersatzbank von Real Madrid gegen einen Stammplatz in Europas Spitzenklubs zu tauschen, bezeugt dies.

Was den 27-jährigen Morientes für höchste Weihen disqualifizierte und ihn als Madrider Jungen scheitern ließ, ist sein noch menschliches Wesen. Morientes war nicht Überstürmer genug, kein Jahrhundertgenie, kein Fußballgott, kein „Galaktischer“, oder mit anderen Worten, zwar ein außergewöhnlich guter Spieler, aber kein Spieler für das Sturmzentrum von Real Madrid.

Schließlich gibt es sie im Fußball wie in jeder anderen Sportart, jene seltsame, fast mythische Schwelle, die einen überragend begabten Sportler in die absolute Weltklasse führt. Im Trikot der königlich Weißen näherte sich Stürmerstar Morientes jahrelang und vor aller Augen dieser Schwelle. Erreichen durfte er sie nie. Mit Ronaldos Einzug in Madrid hatte Prinz Morientes – hinter Raúl bis dato klare Nummer zwei in der Spanischen Sturmthronfolge – endgültig ausgespielt.

Zwei lange Jahre säuerte Spaniens bester Stoßstürmer perspektivlos am Spielfeldrand, bis er sich diesen Herbst endlich in sein Schicksal ergab und vom Königreich Madrid ins Fürstentum Monaco wechselte. Der robust gebaute und kopfballstarke Morientes tritt dort die Nachfolge Oliver Bierhoffs an. Doch anders als der absehbar begrenzte Bierhoff zeichnet sich Morientes´ Spiel durch beachtliche Flexibilität aus.

Neben einer beanspruchten Lufthoheit ist Morientes ein ballgewandter und passfertiger Strafraumspieler mit günstigem Situationsgespür, dessen elegante Durchsetzungskraft sich gerade in engsten Situationen erweist. Dass der derzeitige französische Tabellenführer AS Monaco auch in der Champions-League seine Gruppe verlustpunktfrei anführt, ist nicht zuletzt den Toren des wiedererstarkenden Spaniers zu danken. Dreimal schon traf er auf europäischer Bühne.

Bei dem heutigen Auftritt der Monegassen in La Coruña geht es deshalb nicht allein um den vorzeitigen Einzug ins Achtelfinale, sondern für Morientes auch um seinen verlorenen Stammplatz in Spaniens Nationalelf. Mit den Stürmern Alberto Luque und Diego Tristan stehen in La Coruñas Sturmreihe nämlich gleich zwei bullige Anwärter, die Morientes auf seinem Weg zurück in Spaniens Spitze ausstechen muss.

Ob es Morientes in Monaco, der künstlichsten aller europäischen Fußballwelten, allerdings wirklich gelingen kann, sich noch einmal der entscheidenden Schwelle zur Gottheit Ronaldo zu nähern?

Jeden Dienstag, wenn die Champions League läuft, stellen wir an dieser Stelle die bemerkenswertesten Fußballer der Welt vor – und ihre Geheimnisse.

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