Sport : Fernbeziehung

André Krüger wohnt in Niedersachsen – seit Jahrzehnten begeistert er sich für die Fußball-Nationalelf Australiens und bereist deshalb die ganze Welt

Karsten Doneck

Berlin. Das Gute liegt nicht immer so nah. Sicher, André Krüger könnte sich samstags einfach in den Bus setzen und dann bequem in ein paar Minuten ins Niedersachsenstadion fahren. Dort bietet ihm Hannover 96 während der Saison alle 14 Tage Bundesligafußball. André Krüger, wohnhaft in Hannover, ist aber eher selten im Niedersachsenstadion anzutreffen. „50 Euro Eintritt für ein Spiel, das ist mir zu teuer, dazu bin ich auch nicht Fan genug“, sagt er.

Wenn Krüger seine zweifellos vorhandene Leidenschaft für den Fußball ausleben möchte, dann wird es richtig anstrengend. Dann muss er 16 356 Kilometer weit reisen. Das ist die Entfernung zwischen Hannover und Sydney. Krüger ist Fan der australischen Fußball-Nationalmannschaft. Und nicht nur das. Über die Jahre hinweg hat der heute 43-Jährige eine ganze Reihe von Kontakten geknüpft, gerade auch zu den führenden Größen im australischen Fußball. Seither gehört er irgendwie dazu bei den „Socceroos“, wie die Fußball-Nationalelf des Fünften Kontinents daheim genannt wird.

Als sich vor ein paar Wochen die Fußballnationalspieler trafen, die 1974 in Deutschland zum ersten und einzigen Mal Australien bei einer WM-Endrunde vertreten hatten, wurde Krüger eingeladen, und zwar vom damaligen Trainer Rale Rasic persönlich. Krüger hatte nur noch ein paar Urlaubstage, aber er entschied auch nach gutem Zureden seiner Ehefrau: „Die kann ich doch nicht hängen lassen.“ Sein Erscheinen wurde in Australien zum Medienereignis. „Schon einen Tag vorher stand in australischen Zeitungen, dass ich am Montag ankomme“, sagt Krüger.

Manche mögen es Krüger als Wahnwitz auslegen, dass ihm inzwischen auch Klubs mit hier zu Lande wenig bekannten Namen wie Wollongong Wolves oder Parramatta Power näher liegen als beispielsweise Hannover 96 oder der TSV Havelse. Krügers Zuneigung zu Australien wurde früh geweckt – durchs Spielzeug in jungen Jahren. Da knuddelte er Koala-Bären, ließ Kängurus durchs elterliche Wohnzimmer hüpfen – als Stofftiere. 1973, Krüger war 13 Jahre alt, erfuhr er eher zufällig aus kleinen Zeitungsartikeln über die exotischen Gegner, mit denen sich Australiens Nationalelf bei der WM-Qualifikation auseinander setzen musste. Es waren wohl in erster Linie Neugier und Eifer eines Teenagers, dass er das Thema weiter verfolgte – bis auf Hannovers Straßen, wo er damals mit Freunden herumbolzte und sich mit Filzstift das australische Wappen aufs T-Shirt malte.

Als 1974 die Endrunde in Deutschland mit den Australiern stattfand, verfolgte Krüger die Spiele gebannt am Fernseher. Noch vier Jahre musste er warten, ehe er erstmals nach Sydney kam. Von Afrika aus war er 16 Tage unterwegs – mit dem Schiff. Er arbeitete zu der Zeit noch als Seemann. „Wir haben für drei Wochen in Sydney angelegt. Ich habe mir in der Zeit dort so sechs bis acht Ligaspiele angesehen“, sagt Krüger. Und eine Menge Kontakte geknüpft. Zum Beispiel lernte er den 74er-Kapitän der australischen Nationalmannschaft, Peter Wilson, den „Beckenbauer Australiens“ (Krüger), kennen. „Mein Idol“, sagt Krüger. Es entstand eine Freundschaft. Wilson schied später im Zwist von seinem Klub Apia Leichhardt aus Sydney. Der Spieler hatte sich darüber beklagt, dass ihm der Verein viel Geld schulde. Er wandte sich Hilfe suchend an den australischen Fußball-Verband – und wurde ignoriert. Wilson schottete sich daraufhin auf einer Farm in der Nähe von Wollongong fast völlig von der Außenwelt ab. Krüger aber hielt ungehindert weiter Kontakt zu ihm, per Telefon, in den letzten Jahren vermehrt auch durch E-Mails.

Krüger war sechsmal in Australien, mehrfach hat er die besten Fußballer der Nation bei Europa-Gastspielen live gesehen, zum Beispiel in Teplice gegen die CSSR oder in London gegen England. Es gefällt ihm, dabei zu sein, aber nicht um jeden Preis. „Also, die Relationen müssen schon stimmen“, sagt er. Nach London flog er für nur 30 Euro. Eintritt zu den Spielen braucht er selten zu zahlen: Australiens Verband stellt seinem Edelfan in aller Regel eine Ehrenkarte zur Verfügung.

Zukunftspläne hat Krüger, der als Liegenschaftsinspektor über hundert Supermärkte betreut, auch schon entworfen. „2005, die WM-Qualifikation, also da möchte ich schon noch mal nach Australien“, sagt er. Und Hannover 96, der Klub vor seiner Haustür? „Die hatten doch vor einiger Zeit mal einen Australier zum Probetraining. Da haben bei mir sofort die Lampen aufgeleuchtet, und ich dachte, ich könnte denen vielleicht ein paar Tipps geben.“ Er hat’s dann nicht getan. „Nachher denken die ja doch bloß, das ist nur so ein Spinner.“

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