Sport : Fernduell mit der Legende

Paul Tergat strebt den Weltrekord an und könnte damit endlich aus dem Schatten von Haile Gebrselassie treten

Jörg Wenig

Berlin. „Irgendwann bei Kilometer 38 guckst du dich um und schaust nach einer Mitfahrgelegenheit.“ Das sagte Paul Tergat, Kenias bester Langstreckenläufer, nachdem er seine ersten beiden Marathonläufe absolviert hatte. Inzwischen lief er drei weitere Marathons und hat genügend Erfahrung gesammelt, um beim 30. Berlin-Marathon am Sonntag nicht nur zum ersten Mal ein Rennen über die Distanz von 42,195 Kilometern zu gewinnen, sondern auch ein weiteres Ziel zu erreichen: den Marathon-Weltrekord.

Die Bestmarke steht bei 2:05:38 Stunden und wird gehalten vom US-Amerikaner Khalid Khannouchi. Der gebürtige Marokkaner lief dieses Ergebnis 2002 in London. Paul Tergat erreichte damals als Zweiter in 2:05:48 Stunden das Ziel und ist seitdem der zweitschnellste Läufer über die klassische Distanz. Da auch der Vorjahressieger Raymond Kipkoech (Kenia) am Sonntag läuft und die Startnummer 1 damit vergeben ist, geht Tergat mit der 2 ins Rennen. „Ich bin nicht abergläubig“, antwortete der 34-jährige Kenianer auf die Frage, ob das mit der Nummer zwei ein schlechtes Omen sei.

Moralische Unterstützung erhielt er in Berlin bei einer Pressekonferenz von einer prominenten Landsfrau: Tegla Loroupe. „Paul, ich wünsche dir ein gutes Rennen“, sagte die 30-Jährige: „Bringe den Weltrekord hierher, nach Berlin. Lass ihn nicht irgendwo anders. Du wirst sehen, das Publikum ist fantastisch, die Zuschauer helfen dir.“ Tegla Loroupe weiß, was sie sagt. Die Berliner Zuschauer hatten sie vor vier Jahren zu einem Weltrekord getrieben. Beim Berlin-Marathon rannte die Kenianerin damals 2:20:43 Stunden und verbesserte die Marke um vier Sekunden. „Ohne die Zuschauer hätte ich es nicht geschafft“, sagt sie noch heute.

Auch am Sonntag wird Tegla Loroupe laufen. Allerdings nicht die komplette Distanz. Sie rennt im Rahmen einer Staffel, um Spenden für die Deutsche Welthungerhilfe zu sammeln. Loroupe wird die ersten 15 Kilometer für das Quartett absolvieren. „Das ist wie Training für mich. Außerdem bin ich gerne bereit, der Deutschen Welthungerhilfe zu helfen. Denn ich kenne natürlich die Situation in Afrika und weiß, wie wichtig diese Hilfe ist.“ Nach ihrem Einsatz wird Tegla Loroupe im Zielbereich das Rennen verfolgen und Tergat die Daumen drücken. „Ich glaube“, sagte die Kenianerin, „wenn das Wetter gut und Paul in guter Form ist, dann kann er am Sonntag den Weltrekord verbessern. Aber andererseits weiß man bei einem Marathon nie genau, was wirklich passiert.“

Paul Tergat, da sind sich die Fachleute einig, ist der Mann, der das Potenzial hat, den Weltrekord in einen Bereich von 2:05 Stunden oder sogar darunter zu verbessern. Nie zuvor hatte das Männerfeld beim Berlin-Marathon einen derart hochkarätigen Läufer am Start. „Bei einem Weltrekord müssen alle Rahmenbedingungen stimmen. Ich habe in den letzten vier Monaten sehr gut trainiert. Und meine Trainingsergebnisse zeigen mir, dass ich sehr gut laufen könnte. Ich will es versuchen“, sagte der Kenianer.

Natürlich hält er sich mit Voraussagen bezüglich des Weltrekordes zurück. Doch in der Fachzeitschrift „Runner’s World“, hatte Tergat vor einigen Wochen erklärt: „Wenn alles gut läuft, kann ich eine Zeit um 2:05 Stunden laufen.“ In Kenia hat der dreimalige Familienvater mehrere Trainingsläufe bis zur ungewöhnlich langen Strecke von 41 Kilometern absolviert. „Ich habe gemerkt, dass im Marathon nach Kilometer 38 sehr viel von der mentalen Stärke abhängt. Und das ist es, was ich speziell trainieren wollte.“

Fünfmal in Folge wurde Tergat, der früher Basketball spielte, in den 90er Jahren Cross-Weltmeister. Doch bekannt wurde der Kenianer in erster Linie als der große Herausforderer des legendären Haile Gebrselassie. Den 10 000-m-Weltrekord hatte er dem Äthiopier einmal entrissen, doch bei den großen Finals war er immer Zweiter. Zuletzt verlor er gegen Gebrselassie bei den Olympischen Spielen 2000 nur hauchdünn. „Ich schätze Paul Tergat – in Sydney hat er wirklich Pech gehabt, denn es war so knapp“, sagt Gebrselassie. Nach diesen Olympischen Spielen wechselte Tergat die Strecke. Der Marathon steht seitdem im Mittelpunkt. Gebrselassie hat er dabei 2002 in London schon einmal hinter sich gelassen. Am Sonntag soll der nächste Schritt folgen.

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