Fernerbahces Yildirim : Krimineller Märtyrer

Fenerbahces Präsident steht wegen Bestechung vor Gericht – und wird gefeiert.

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Aufmarsch vor Gericht. Türkische Polizisten bewachen das Gebäude, in dem sich Aziz Yildirim verantworten muss. Foto: AFP
Aufmarsch vor Gericht. Türkische Polizisten bewachen das Gebäude, in dem sich Aziz Yildirim verantworten muss. Foto: AFPFoto: AFP

Es ist neblig-kalt an diesem Dienstagmorgen, doch die Fans des türkischen Fußballmeisters Fenerbahce Istanbul lassen sich vom schlechten Wetter nicht beeindrucken. „Wir sind im Recht – wir werden siegen“, steht auf Plakaten, die sie vor dem mit Stacheldraht gesicherten Gerichts- und Gefängniskomplex in der Stadt Silivri westlich von Istanbul in die Höhe halten. Die meisten der mehreren hundert Fans tragen die gelb-blauen Trikots von Fenerbahce. In Sprechchören lassen sie jenen Mann hochleben, der auf der anderen Seite des Zauns wegen des größten Bestechungsskandals der türkischen Sportgeschichte vor Gericht steht. Aziz Yildirim, 59, der Vereinspräsident von Fenerbahce, ist für die Staatsanwaltschaft ein Krimineller, der lebenslange Haft verdient. Für die Leute vor dem Zaun ist er ein Märtyrer.

Mit Bestechungszahlungen an andere Klubs soll Yildirim in der Saison 2010/2011 den 18. Meistertitel für Fenerbahce regelrecht gekauft haben. „Kaffee trinken“ sei das Codewort für die Manipulation eines Spiels gewesen, sagt die Staatsanwaltschaft. 93 Vereinsfunktionäre, Trainer und Spieler stehen vor Gericht in Silivri – in einem Gebäude, in dem auch gegen mutmaßliche Putschisten aus der Armee verhandelt wird.

Bis zu 147 Jahre Gefängnis lautet die Strafforderung für Yildirim, der seit Juli in Untersuchungshaft sitzt. Die Anklageschrift ist 401 Seiten lang, ihre Verlesung zur Prozessbeginn wird mehrere Verhandlungstage dauern. Das Gericht forderte dafür eigens professionelle Sprecher des Staatsfernsehens TRT an. Bis zu einem Urteil werden Monate vergehen.

Es ist so, als würden Uli Hoeneß und der FC Bayern München vor Gericht gestellt. Fenerbahce ist einer der traditionsreichsten Vereine der Türkei und zählte sogar Staatsgründer Atatürk zu seinen Anhängern. Neben diesem Fußball-Hochadel verblassen die anderen sieben Vereine, die ebenfalls in den Skandal verwickelt sein sollen. Sogar die Politik hatte Bedenken angesichts der Dimensionen des Verfahrens und der Wut von Millionen Fenerbahce-Fans: Eine große Koalition aus Regierungs- und Oppositionsparteien reduzierte im vergangenen Jahr kurzerhand die Strafen für Manipulationen im Sport.

Yildirim selbst weist ohnehin alle Vorwürfe von sich. Die Staatsanwaltschaft operiere mit haltlosen Behauptungen, ließ er über seinen Anwalt erklären. Bei den Fans kursieren unterdessen wilde Verschwörungstheorien. Einige sehen Fenerbahces Istanbuler Erzrivalen Galatasaray hinter den Bestechungsvorwürfen. Andere glauben, dass berufliche Konkurrenten des erfolgreichen und reichen Bauunternehmers Yildirim die ganze Sache eingefädelt haben.

Angesichts der Emotionen bemühte sich der Vorsitzende Richter Mehmet Ekinci vorsorglich um eine Beruhigung der Lage. „Wir verhandeln hier nicht gegen Vereine“, sagte er türkischen Reportern. „Wir verhandeln gegen Angeklagte, denen Straftaten zur Last gelegt werden.“

Ob der Prozess die Korruption im türkischen Fußball beenden kann, ist fraglich. Der türkische Fußballverband hat eigene Versuche zur Aufarbeitung des Skandals aufgegeben. Schon gibt es erste Hinweise darauf, dass Fenerbahce künftig geschont werden soll. Laut Medienberichten hat der Verband mit der Uefa vereinbart, Fenerbahce in der kommenden Saison wieder in der Champions League spielen zu lassen. Bei einem Schuldspruch soll dem Verein demnach nur ein Punktabzug drohen.

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