Sport : Fernweh

Der deutsche Fußball will sich in China besser verkaufen – doch der Markt ist schon von anderen besetzt

Harald Maass

Peking. Wenn man in China unterwegs ist, ist die deutsche Heimat nie fern. In Peking kann es passieren, dass der Taxifahrer über den Tabellenstand der Bundesliga philosophiert oder erzählt, welcher Trainer gerade entlassen wurde. In Shanghai wird nach den neuesten Affären des FC Bayern gefragt. Und selbst in den kleinen Städten der inneren Mongolei bekommt man als Deutscher ein freudiges „Bei Ken Bao Er“ zugerufen – so wird Franz Beckenbauer auf Chinesisch ausgesprochen.

Deutscher Fußball ist in China populär. Seit 1995 überträgt der staatliche Sportsender CCTV 5 am späten Samstagabend vor einem Millionenpublikum das Spitzenspiel der Bundesliga. Im Internet gibt es Webseiten, die auf Chinesisch über die Geschehnisse der Bundesliga informieren. Die staatliche Lottogesellschaft hat auf ihren Toto-Wettscheinen drei Bundesligaspiele stehen. Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) deshalb das Reich der Mitte entdeckt.

Bisher verdient die DFL durch Auslandslizenzen nur 15 Millionen Euro im Jahr – die englische Premier League erwirtschaftet das Fünffache. Für seinen Vorschlag, die Anstoßzeit der Bundesliga zugunsten des asiatischen Fernsehmarkts um einige Stunden vorzuverlegen, erntete DFL-Präsident Werner Hackmann zwar Kritik. Einigkeit besteht aber bei deutschen Funktionären, dass die Bundesliga in Asien besser vermarktet werden soll. Der wichtigste Markt ist China.

Zwischen 10 und 20 Millionen Chinesen sitzen in der Nacht zum Sonntag vor dem Fernseher, wenn Moderator Huang Jianxiang das Spitzenspiel der Bundesliga kommentiert. Die von der Deutschen Welle betriebene Internetseite www.germansoccer.cn, die zusätzlich über deutschen Fußball informiert, hat nach eigenen Angaben Hunderttausend chinesische Nutzer. „Eigentlich müsste China ein guter Markt für deutschen Fußball sein“, sagt Reporter Huang. Doch der deutsche Fußball habe ein Imageproblem. „Die Bundesliga hat keine echten Stars, deshalb zieht sie keine große Massen an.“

In der Rangliste der europäischen Ligen stehe die DFL in China nur auf Platz vier – hinter England, Italien und Spanien. Als Real Madrid vergangenen Sommer mit seiner Startruppe um David Beckham zum Trainingslager nach Südchina reiste, kampierten chinesische Teenager vor dem Hotel. Für deutsche Klubs, und sei es der FC Bayern, interessieren sich dagegen eher die Experten als die breite Masse. „Die Deutschen spielen erfolgreich, aber sie spielen nicht schön“, sagt der Maler und Fußball-Fan Tian Cheng.

Der deutsche Fußball hatte lange Zeit einen Vorsprung in China. Anfang der Neunzigerjahre heuerte der Mannheimer Trainer Klaus Schlappner als Nationalcoach in China an. Auch wenn er nur wenig Erfolg hatte, knüpfte Schlapper damals viele Kontakte nach Deutschland. 1998 heuerte mit Yang Chen bei Eintracht Frankfurt zum ersten Mal ein Chinese in der Bundesliga an – er wurde über Nacht zum Star. Vor einem Jahr holte sich 1860 München dann Shao Jiayi, doch der Pekinger konnte sich im Team nicht durchsetzen. Mehr Erfolg hatte ein Transfer in die andere Richtung. Der frühere HSV-Profi Jörg Albertz spielt seit einem Jahr bei Shanghai Shenhua und wurde 2003 zum besten Spieler der Liga gekürt.

Für den Fußball-Journalisten Pan Chao hat die DFL ein Vermarktungsproblem. „Die Deutschen schöpfen den kommerziellen Wert des Spiels nicht so stark aus wie andere“, sagt Pan. Auch er vermisst die großen Namen in der Bundesliga. Im Gegensatz zu Spitzenklubs wie Manchester United und Real Madrid, die mit viel Aufwand an ihrem Image arbeiten, seien die deutschen Klubs zu unauffällig. „Deutschland hat im Moment viele gute junge Spieler, aber die sind halt noch keine Stars.“ Pan ist Experte bei der Fußball-Zeitung „Zuqiubao“. Drei Mal wöchentlich bringt das Blatt auf zwei Seiten Berichte über die Bundesliga. Zwei Fußballkorrespondenten berichten dafür direkt aus Deutschland. Das Blatt hat eine Million Käufer.

Das Interesse für deutschen Fußball ist in China also vorhanden. Doch der Markt ist schwierig. Mit dem Verkauf von Spieler-Trikots und Merchandising-Produkten lässt sich in China schwer Geld verdienen – die Artikel werden von Markenpiraten in Massen kopiert. Interessant ist die Volksrepublik mit seinen 1,3 Milliarden Menschen vor allem als Fernsehmarkt. Nach Ansicht von Pan Chao könnte eine Vorverlegung der Spiele, besonders der Sonntagsspiele, die Attraktivität der Bundesliga erhöhen. „Das würde mehr Zuschauer bringen“, sagt Pan. Im Moment beginnen die Spiele sonntags nach Mitternacht – im Anschluss an die italienische Liga. Fernseh-Mann Huang sieht darin aber nicht das Hauptproblem. „Die Übertragungszeiten sind sehr gut“, sagt Huang. Eine Verschiebung könne zu Überschneidungen mit anderen Auslandsligen oder der chinesischen Liga führen. Wichtiger als die Anstoßzeiten sei, das Image und die Vermarktung der DFL zu verbessern.

„Wenn die Deutschen nicht das Geld haben, mehr internationale Stars einzukaufen, müssen sie eben chinesische Spieler nach Deutschland bringen“, sagt Pan. Als Yang Chen in Frankfurt spielte, berichteten Chinas Medien fast täglich aus der Bundesliga. „Chinesische Spieler würden die Popularität der deutschen Liga steigern“, sagt Pan. „Aber die deutschen Vereine sind da sehr vorsichtig.“

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