Ferrari : Das Pferd muss absatteln

Die Finanzkrise zwingt die Formel 1 zum drastischen Sparen – sogar ein Ausstieg von Ferrari ist denkbar.

Christian Hönicke[Barcelona]

Die Heilige Kuh ist ein Pferd. Zumindest war sie das immer in der Formel 1. Das cavallino rampante, das springende Pferd, symbolisiert den Mythos Ferrari, der mit dem Mythos Formel 1 untrennbar verknüpft ist. Früher haben die Italiener ihre Stellung als unantastbares Heiligtum der Grand-Prix-Szene gern dazu genutzt, dem Automobil-Weltverband Fia mit ihren turnusmäßigen Ausstiegsdrohungen immer wieder kleine Leckerlis abzupressen. Doch ob Pferd oder Kuh ist nebensächlich geworden, seit es ums Überleben geht. So nebensächlich, dass Fia-Präsident Max Mosley die undenkbaren Worte gesprochen hat: „Der Sport würde auch ohne Ferrari überleben.“

Diese vorher nie gehörten Töne deuten eine Zeitenwende an. Nachdem die Formel 1 mehr als ein Jahrzehnt von den Automobilriesen dominiert wurde, steht offenbar eine Rückkehr zur alten Garagenteamserie bevor. Um die Formel 1 in Krisenzeiten überlebensfähig zu machen, will Mosley nun auch ohne Rücksicht auf sein einstmals bestes Pferd im Stall eine Budgetobergrenze durchpeitschen. „Wenn wir das nicht machen würden, dann würden wir viele Teams verlieren“, sagt der Brite.

Von der kommenden Saison an sollen die Rennställe, die mit 44 Millionen Euro exklusive der Fahrergehälter auskommen, vom Reglement mehr Freiheiten erhalten und etwa bewegliche Flügel und Motoren ohne Drehzahlbegrenzung einsetzen dürfen. Kleine Teams wie Williams befürworten das, weil sie das brutale Wettrüsten der Global Player inzwischen bis kurz vor den Ruin getrieben hat. Den großen Konzernteams dagegen stößt vor allem das geplante zweigleisige Reglement übel auf. BMW hat sich genau wie Mercedes in dieser Causa zu Ferrari in die Ecke der Widerspenstigen gesellt und droht ebenfalls zumindest indirekt mit Ausstieg. „Eine Zwei-Klassen-Formel-1 ist nicht attraktiv für BMW“, sagt Mario Theissen, der Motorsportdirektor der Münchner. „Wir haben damit in anderen Serien schlechte Erfahrungen gemacht.“ Die geplante neue Regelsituation wäre ein Anlass, das Formel-1-Projekt von BMW neu zu bewerten.

Auch bei Daimler hat nach Konzernchef Dieter Zetsche und dem Betriebsrat nun Motorsportchef Norbert Haug erstmals öffentlich Zweifel anklingen lassen: Er könne das Formel-1-Engagement von Mercedes „nicht auf immer und ewig versprechen“, das hänge auch von den Rahmenbedingungen ab. Überhaupt steht die Zukunft der Automobilhersteller in der Formel 1 mehr denn je in Frage. Honda ist schon ausgestiegen, auch Toyota und Renault gelten seit langem als Wackelkandidaten.

Die Konzernteams stecken in der Klemme: Einerseits streben auch sie Kostensenkungen an, um die Formel 1 weiter in der Firmenzentrale schmackhaft machen zu können. Andererseits sehen sie den technologischen Wettstreit und ihre Investitionen von bis zu einer halben Milliarde Euro pro Jahr bei einer abrupten Abrüstung als herausgeworfenes Geld an. Deshalb plädieren sie für Teilschritte bei der Senkung des Etats. Doch genau hier will Mosley hart bleiben, weil er schon nach dieser Saison einen großen Sponsorenexodus erwartet.

Der Fia-Präsident geht daher nur noch bedingt auf die Wünsche der wankelmütigen Großkonzerne ein, die aus PR-Gründen zum Siegen verdammt sind. Stattdessen setzt er bei der Formel 1 der Zukunft auf die kleinen Rennställe, die den Rennsport zum Selbstzweck betreiben. Und siehe da: Plötzlich tauchen alte Bekannte wieder auf, die von den Großkonzernen vertrieben worden waren. So zeigen unter anderem die Rennställe Lola, Super Aguri und auch Prodrive Interesse an der geplanten Low-Budget-Formel. Die derzeitigen Grand-Prix-Rennställe versuchten nun in London, eine gemeinsame Formel für die Zukunft zu finden. „Es gibt eine Riesenspanne zwischen den Teams und daher unterschiedliche Interessen“, sagt Theissen. Einigkeit bestand offensichtlich immerhin darin, „dringenden Gesprächsbedarf“ bei der Fia anzumelden. Zeit dafür ist noch bis zum 29. Mai. Dann müssen sich die Teams für die kommende Formel-1-Saison eingeschrieben haben.

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