Sport : Feste treten, Feste feiern

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Von Nadeschda Scharfenberg

Merdingen. Es ist in diesen Tagen schwer, ein Radsportler aus Merdingen zu sein. Seit Jan Ullrich, der berühmteste der 2473 Einwohner des Schwarzwald-Städtchens, positiv auf Amphetamine getestet wurde, nimmt man die Hobbysportler von Edelweiß Merdingen auf einmal wahr, wenn sie durch die Weinberge schnurren. 90 Kilometer haben sie gerade hinter sich gebracht, und diese Trainingsfahrt werden sie so bald nicht vergessen. Ständig haben Spaziergänger ihnen irgendetwas mit Doping hinterhergerufen. Einer der Sportler zupft an seinem kanariengelben Edelweiß-Dress und klagt: „Man hat uns dauernd aufgehalten."

Man könnte meinen, das sei genug der Häme. Aber jetzt stehen die Merdinger noch dazu im Verdacht, mit schuld zu sein an den Eskapaden Jan Ullrichs. Karlheinz Birnesser, einer der Ärzte des wohl umsorgten Radstars, hat ironisch gesagt: „Der Jan hat doch nur gute Freunde. In diesem Punkt ist er ja ein bisschen unbedarft." Rudy Pevenage, Teamchef bei Telekom, formuliert das noch deutlicher: „Jan Ullrich verkehrt an seinem Wohnort Merdingen und Umgebung in letzter Zeit mit den falschen Leuten." Die Hobbyradfahrer, deren Söhne zum Teil auch zu dieser schlechten Gesellschaft gehören sollen, schütteln die Köpfe. Dummes Geschwätz sei das. Dann erklären sie eifrig ihre ganz eigene Gesellschafts-Theorie: „Natürlich sind die Einflüsse anders, wenn jeder jeden kennt. Die Freundschaften sind intensiver, und deshalb sind auch die Feste intensiver." Am Schluss der Debatte steht das Argument, dass Jan Ullrich schließlich das ganze Jahr Top-Leistungen bringe. „Dann darf er es auch mal krachen lassen" – solange er das im Privaten tue und dabei seine Leistung, für die er bezahlt wird, nicht beeinträchtige. So denkt man hier im Südwesten.

Die Hobbyradler kennen Ullrich gut, Merdingen ist ja klein. Sie nennen ihn meistens nur „den Jan"; jedenfalls immer dann, wenn sie vergessen, dass ihnen jemand zuhört.

„Dem ist im Moment alles egal“

Wenn man mit jemandem persönlich bekannt ist, fällt es schwer, ihn zu verdächtigen, geschweige denn, ihn zu verurteilen. Die Merdinger sehen in Jan Ullrich nicht zuerst den Profi, der nicht nur für seine eigene Gesundheit, sondern auch für das Ansehen einer Sportart Verantwortung trägt.

Natürlich gibt es da Grenzen. Dass Ullrich im Mai unter Alkoholeinfluss erst einen Fahrradständer umgemäht und dann die Flucht ergriffen hat, findet einer „unverzeihlich". Er klingt nicht wütend, als er das sagt, bloß nachdenklich. Mitschuldig fühlt man sich nicht. Bei dem Crash am Freiburger Bahnhof ist Jan Ullrich schließlich gar nicht mit Freunden aus Südbaden unterwegs gewesen. Und in der Reha-Klinik am Tegernsee, wo der Radprofi die Aufputschmittel eingenommen haben muss, haben seine Merdinger Freunde ihn auch nicht besucht – „da lege ich für meine Söhne die Hand ins Feuer", sagt der gesprächigste unter den Radlern.

Die Leute in Merdingen sehen Jan Ullrich mehr als Opfer denn als Täter. Verschwörungs-Theorien kursieren: Dass man „dem Jan das Zeug untergejubelt und ihn dann angeschwärzt hat". Jedenfalls habe das alles mit seiner psychischen Schwäche nach der Knieoperation und der Absage für die Tour zu tun. „Bei dem ist im Moment alles verkorkst", sagt einer der Radfahrer, „dem ist alles egal." Birnesser, Ullrichs Arzt, glaubt, dass ihm in der Reha Klinik wohl die Decke auf den Kopf gefallen sei und er in der Disko über die Stränge geschlagen habe.

Wie so oft hat auch sein Erfolg zweifelhafte Begleiter mit sich gebracht. Seine Freunde hat sich Jan Ullrich selbst ausgesucht. Vor dem Café Imbery, wo sich die Hobbysportler von „Edelweiß" nach ihrer Trainingsfahrt an Cola-Weizen und Brezeln gestärkt haben, ist es kalt geworden. Sie sind nicht weit gekommen in ihrer Diskussion, immer wieder endete sie bei dem Satz: „Ich kapier’ das nicht." Man weiß ja nicht so genau, was man im Radsport-Geschäft noch glauben darf. Da treten sie lieber feste in die Pedale, schon am Sonntag wieder. Da soll es eine größere Tour geben, in die Vogesen oder auf den Kandel. Allerdings werden sie diesmal keine Telekom- oder Edelweiß-Trikots anziehen. Damit man sie in Ruhe lässt.

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