Sport : Feuer über Kiew

Ultras und Fans der Kiewer Klubs prangern die Käuflichkeit und Scheinheiligkeit der Machthaber an – sie haben Logos mit dem Slogan „Fuck Euro 2012“ entworfen.

Andreas Bock[Kiew]
Im Visier der Regierung und des Oligarchen Igor Surkis: Jevhen und die Ultras von Dynamo Kiew. Foto: Andreas Bock
Im Visier der Regierung und des Oligarchen Igor Surkis: Jevhen und die Ultras von Dynamo Kiew. Foto: Andreas Bock

500 statt 100 Millionen Dollar, wie ist das möglich? Was

passiert mit dem ganzen Geld?

Vor einigen Tagen rief Igor Surkis an. Der Präsident von Dynamo Kiew klang aufgeregt, völlig durch den Wind. Er bestellte Jevhen Shchelkunov in sein Büro. Jevhen ahnte, dass er ein Problem hat. Als er vor Surkis saß, hielt dieser ihm einen Brief unter die Nase, Absender war die Regierungsverwaltung. In dem Schreiben stand, dass Jevhen Anführer einer Anti-EM-Initiative sei. „Was soll das?!“, schrie Surkis.

Jevhen sitzt auf einem Sofa in einem kleinen Club, ein privater Treffpunkt einiger Dynamo-Kiew-Fans, ein Aufenthaltsraum im Souterrain, Sessel, Beamer, zwei Tische, eine Spanienflagge vor dem Fenster, hinter dem Tresen eine der Ukraine, ein Mann, Typ „Der Dude“, hängt auf der Couch. Er trägt ein Schwedentrikot. Zwei andere Männer bereiten Essen in der Küche vor.

Jevhen hat sich auf seine Wade das Wappen von Dynamo Kiew stechen lassen. Er ist Fan, Ultra, aber kein Nazi, bemerkt er sofort. Das muss man hier in der Ukraine dieser Tage laut sagen, denn gerade die Ultraszene von Dynamo ist in der Spitze stramm rechts. Jevhen kann damit nichts anfangen, er provoziert sogar mit linken Symbolen auf seiner Haut. Er ist seit einiger Zeit eine Art Bindeglied zwischen Klubführung und Fans, und er spricht gerne darüber, wie er mit dem großen Mann, mit Igor Surkis, telefoniert.

„Es stimmt“, sagt Jevhen. Er habe mit anderen Fans und Ultras Banner und Aufkleber entworfen, auf dem das EM-Logo entfremdet wurde. Statt Blumen prangen dort nun ein Schlagring und ein Polizeihelm, auf dem die Zahl 1984 zu lesen ist. Ein Verweis auf George Orwells gleichnamige Dystopie über einen totalitären Überwachungsstaat. „Sie sagen, wir sollen das stoppen“, sagte Surkis. Und dann gab er Jevhen eine Warnung mit auf den Weg: Sollte dieses Logo in Form eines Aufklebers, Graffito oder Banners, während der EM öffentlich zu sehen sein, wird er Probleme bekommen. Dabei sei es ganz egal, ob Jevhen der Urheber sei oder einer seiner Freunde.

Jevhen ist gegen die EM, weil er findet, das harmonische Bild der Ukraine sei konstruiert worden. Vor allem, weil im Herbst Wahlen sind. Eine erfolgreiche EM ohne Widerworte würde das momentane System stützen. „Die Machthaber sind alle korrupt“, sagt Jevhen. „Und die Polizei ist nicht so nett, wie sie jetzt tut.“

Vor der EM erschien eine Dokumentation mit dem Titel „The Last Argument“. Sie ist ähnlich reißerisch wie die BBC-Dokumentation „Stadiums of hate“ – nur, dass hier die andere Seite dargestellt wird. Es geht um Kommerzialisierung, Patriotismus und um Fans als Opfer von Polizeiwillkür. Tatsächlich sind die Bilder erschreckend. Man sieht, wie ein Einsatzkommando so lange auf Jugendliche einschlägt, bis diese sich nicht mehr bewegen. In einer Szene schlägt ein Polizist mit seinem Knüppel einem Mädchen mit Wucht auf den Hinterkopf. Der Kiewer Polizeichef kommentiert die Szene lachend: „Ich denke, er hat ihr ein bisschen auf den Rücken geschlagen.“

Jevhen ist auch deshalb gegen die EM. Gegen den modernen Fußball, gegen die Repression, gegen die Kommerzialisierung des Sports, gegen die milliardenschweren Oligarchen, die die ukrainische Premierliga zu einem Zweiklassensystem gemacht haben. Oben: Schachtar Donezk, Dynamo Kiew und Metalist Charkiw. Dahinter: der Rest. Viele Fans behaupten: Fußball in der Ukraine ist nichts als Geschäft. Jevhen sagt: „Die Donezker sind schuld an dieser Situation.“ Damit meint er die Clique um Rinat Achmetow, den reichsten Mann in der Ukraine.

Die EM verfolgt Jevhen trotzdem. Heute findet das erste Viertelfinale statt, Tschechien spielt gegen Portugal, und Jevhen diskutiert mit seinen Freunden den Einsatz von Torkameras. Die Ukraine ist draußen, nun ist er für Tschechien, er mag Ronaldo nicht. Die Spiele der ukrainischen Nationalmannschaft hat er alle im Stadion gesehen.

Wie auch Igor. Der schaut hier im Klub das Spiel mit seiner Frau. Er ist ebenfalls Dynamo-Fan, und berichtet vom Ausflug nach Donezk vor einigen Tagen und spricht über den Schiedsrichterfehler. „Eine unglückliche Entscheidung, doch wir hatten Spaß.“ Jevhen war auch dabei. Er mag Reisen. 2006 war er zur WM in Deutschland. „Damals war es eine große Party“, sagt er. Ist es nun Zwang für ihn? „Es interessiert mich nicht mehr so sehr.“ Es klingt ebenfalls ein bisschen konstruiert – eine Gegenhaltung, weil es zum Ultrakodex gehört.

Jevhen weiß nicht genau, warum die Regierungsverwaltung ihn als Wortführer der Antiinitiative ausgemacht hat. Er weiß nur, dass es so ist. Er vermutet eine Verkettung von Ereignissen der vergangenen Jahre. Da gab es etwa dieses eine Spiel gegen Karpaty Lwiw, bei dem Dynamo-Fans das Staatsoberhaupt Viktor Janukowitsch beschimpft hatten. Die Schlachtrufe hallten durchs Stadion und über die Fernsehgeräte ins ganze Land. Ein Riesenskandal. Auch damals wurde Jevhen schon von Surkis vorgeladen.

Eine andere Sache verbreitete sich beinahe genauso schnell, dieses Mal via Internet. Es trug sich vor etwa zwei Jahren zu. Dynamo spielte im Stadtderby bei FK Obolon Kiew. Das dortige Stadion fasst 5000 Zuschauer, es ist umgeben von zwölf- oder 13-stöckigen Plattenbauten, von deren Dächern man ins Stadion schauen kann.

Jevhen und seine Freunde hatten die Lage wenige Wochen zuvor bei einem Spiel zwischen Obolon und Schachtar Donezk ausgekundschaftet. Sie entwarfen den Plan, auf den umliegenden Dächern Pyrotechnik zu zünden. Also ließen sie sich die Schlüssel für die Dächer nachmachen – nach dem Spiel gingen sie, getarnt als gewöhnliche Hausbewohner, wieder hinab. Der Coup allerdings war ein gleichzeitiger Drachenflug über das Feld. Die Piloten sollten Pyrofackeln zünden und dabei die Fahne „Pyro: The Last Argument“ halten. Sie starteten von einer Wiese hinter den Bauten. Die Drachenflieger waren mit Motoren und Lenkrädern versehen. Jevhen hatte so etwas noch nie zuvor gemacht, er ließ sich also kurz in die Maschine einweisen. Sein Kollege, der den zweiten Flieger steuerte, streifte sich Handschuhe über. Und dann ging alles schief: Die Synthetik der Handschuhe fing Feuer, und Jevhens Fackel wurde zu heiß. Er konnte den Pyrostab allerdings nicht loslassen, weil er direkt auf dem Spielfeld oder im Block der eigenen Fans gelandet wäre. Jevhen trägt noch heute Narben. Den Kollegen traf es noch schlimmer – er musste direkt danach ins Krankenhaus, seitdem wurde er sechsmal operiert.

Die Szene ist auch in „The Last Argument“ zu sehen. Dann ein Schnitt, Jevhen sitzt in einer Talkshow und erklärt der ukrainischen Öffentlichkeit, warum er gegen die EM ist. „Wissen Sie was“, sagt er dem Moderator, „der Umbau des Kiewer Olympiastadions hat 500 Millionen Dollar gekostet. Der Neubau eines Stadions in Portugal kostete gerade mal 100 Millionen. Wie ist das möglich? Was passiert mit dem Geld?“

Vielleicht wurde er wegen dieser Aktionen als Wortführer ausgemacht. Nun jedenfalls hat er ein Problem. „Ich will keine Geisel der Politiker sein“, sagt er und klingt genau so: wie ein Politiker. Dann lehnt er sich zurück ins Sofa. Später am Abend verliert Tschechien gegen Portugal. Jevhen bekommt das nicht mit. Er ist eingeschlafen.

Jevhen ist gegen die EM, weil er gegen die Kommerzialisierung des Sports ist

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