Sport : Feuerwerk ohne Ende

Die deutschen Handballer staunen über die Begeisterung, die sie mit dem WM-Finaleinzug ausgelöst haben

Hartmut Moheit[Wiehl]

Am Freitagmorgen muss weitergefeiert werden. Florian Kehrmann steht im Mannschaftshotel „Zur Post“ im oberbergischen Wiehl und berichtet von dem nächtlichen Empfang um 23 Uhr. Hunderte Menschen seien vor dem Hotel gestanden, sagt er, „es gab ein Feuerwerk“, doch bevor er weitererzählen kann, wird er erneut an die Hotelfenster gerufen. Diesmal sind die Grundschüler von Wiehl gekommen, um ihre Helden zu feiern. Eine Lehrerin der Schule, an der auch Christel Brand, die Frau des Bundestrainers Heiner Brand, beschäftigt ist, erzählt vom morgendlichen Unterichtsinhalt: „Sie haben Plakate für die Handballer gemalt.“

Nicht nur in Wiehl ist die Begeisterung nach dem mit 32:31 nach zweimaliger Verlängerung gewonnenen Halbfinale bei der Handball-Weltmeisterschaft nicht mehr zu überbieten. Für Heiner Brand ist das Geschehen in Wiehl nur ein weiterer Beleg dafür, welche Unterstützung sein Team mittlerweile in der Öffentlichkeit genießt. „Das ist ein sehr wichtiger Teil, der unseren Erfolg erst möglich gemacht hat“, sagt der Gummersbacher. Das Spiel gegen Frankreich verfolgten im ZDF zeitweise 14,34 Millionen Zuschauer, was einer für Handball unglaublichen Quote von 41 Prozent entspricht.

Was die deutsche Mannschaft für den Handballsport in Deutschland wirklich geleistet hat, ist in Zahlen noch nicht zu bemessen. „Ich glaube nicht, dass ein Aufschwung vom Ausgang des Finales abhängt, dafür ist jetzt schon viel zu viel Positives passiert“, sagt Torsten Jansen. Doch natürlich will er nun auch Weltmeister werden. Am Sonntag (16.30 Uhr/live in der ARD) will er noch einmal die letzten Kräfte mobilisieren, um Polen zu bezwingen. In der Vorrunde hat sein Team gegen diesen Gegner verloren.

Einen Tag nach dem Sieg gegen Frankreich hat Heiner Brand dem Team einen freien Tag zugebilligt. „Wichtig ist, dass sich kein Spieler verletzt hat, aber jeder hat wohl jetzt einen Physiotherapeuten nötig“, sagt er, „wir werden am Freitag nichts machen, erst am Samstag beginnen wir mit den Vorbereitungen auf das Finale.“ Für ihn hingegen gibt es keinen Ruhetag. Das Videostudium erlaubt keine Pause, obwohl er sich von seinem Heimatort Gummersbach nur zwölf Kilometer entfernt befindet.

Etwas überrascht über den großen Erfolg seiner Mannschaft bei dieser Weltmeister ist offensichtlich der Deutsche Handball-Bund (DHB). „Selbst wenn Deutschland am Sonntag Weltmeister wird, ist noch nichts Konkretes geplant“, sagt DHB-Pressechef Charly Hünergarth. „Ich weiß aber, dass die Stadt Köln darüber berät, noch etwas zu organisieren.“ Viel Zeit zum Feiern der Gold- oder Silbermedaille bleibt den Spielern allerdings nicht. Der Terminkalender im Handball ist derart dicht gedrängt, dass bereits zwei Tage nach dem Finale wieder in der Bundesliga gespielt werden muss. „Ich muss am Dienstag wohl zum Training erscheinen“, sagt Sebastian Preiß. Als Spieler des TBV Lemgo hat er sogar noch Glück: „Wir spielen erst am Samstag.“

Über die kommende Woche aber möchte sich derzeit kein Spieler weitere Gedanken machen. Selbst eine Verletzung würden sie für den Weltmeistertitel in Kauf nehmen – wenn man Pascal Hens beim Wort nimmt. „Mir ist es völlig egal, und wenn ich als Wrack zurückkomme“, sagt der lange Hamburger. Diese Einstellung rührt von der Aussicht, dass die deutsche Mannschaft zum ersten Mal seit 1978 wieder Deutschland zum Handball-Weltmeister küren kann.

Bis zum Finale hat ihn auch der Aberglaube getragen. „Ich ziehe Socken und Schuhe immer zuerst links an“, berichtet er, „das gibt mir Sicherheit.“ Auch schmiere er sich vor jedem Spiel kräftig Gel ins Haar. Auch andere Spieler haben ihre Tricks, auf die sie schwören. Michael Kraus steckt sich in jede Tasche ein Schweißband und zieht den rechten Schuh zuerst an. Dass derartige Details plötzlich wichtig werden, zeigt, wie groß die Erfolgsgeschichte der deutschen Handballer bereits geworden ist.

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