Fifa-Film "United Passions" : Es war nicht alles schlecht

Der Fifa-Film „United Passions“ gilt als einer der größten Flops der Kinogeschichte und als unguckbar – zu Recht?

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Kinogänger. Gerard Depardieu (links) und Joseph Blatter präsentierten den Propaganda-Film des Weltverbandes in Cannes. An den Kassen floppt er.
Kinogänger. Gerard Depardieu (links) und Joseph Blatter präsentierten den Propaganda-Film des Weltverbandes in Cannes. An den...Foto: AFP/Hache

Zwei Männer treffen sich an einer Autobahnraststätte, der eine trägt einen Trenchcoat, der andere raucht nervös. Die beiden vermeintlichen Geheimagenten sollen Horst Dassler und Joseph Blatter sein, dargestellt von Thomas Kretschmann und Tim Roth. Adidas-Chef Dassler will Sponsor bei Blatters Fifa werden. Er öffnet den Kofferraum seines Wagens. Alles voller Schmiergeld, vermutet der Zuschauer. Stattdessen liegen dort Trikots, die glänzen wie im Werbespot. Dassler öffnet dann einen Aktenkoffer. Doch er holt nicht etwa Geldbündel heraus, sondern ein Foto des neuen WM-Fußballes. Blatter nickt, überzeugt vom Angebot.

So ist es gewesen und nicht anders. Zumindest, wenn man den Fifa-Film „United Passions“ ernst nimmt. Doch das fällt wirklich, wirklich schwer. Der hauseigene Propagandaschinken über die Geschichte des Weltverbandes gilt jetzt schon als einer der größten Flops aller Zeiten. In Deutschland schaffte es der Film gar nicht erst in die Kinos, und in den USA spielte er am Eröffnungswochenende umgerechnet 811 Euro ein – bei Produktionskosten von angeblich 26,5 Millionen Euro. Laut US-Meiden ein neuer Negativrekord. Da half auch die Publicity nichts, als im Fifa-Skandal Funktionäre verhaftet wurden. Einige der zehn US-Kinos, die den Film zeigten, verkauften nur eine einzige Karte. Der Verleiher zog den Streifen schon zurück, die New York Times schrieb von „einem der unguckbarsten Filme der Gegenwart“, der Guardian von „filmischem Exkrement“.

Ich habe mir „United Passions“ dennoch angeschaut, die vollen 110 Minuten. Und muss sagen: So schlecht ist der Film gar nicht. Vor allem ist er bemerkenswert selbst entlarvend. Okay, eine Story oder Handlung gibt es nicht, wenn man „Die Fifa ist gut, die anderen schlecht“ nicht zählen lässt. Aber Kameraführung, Licht, Musik, Kostüme und gute Darsteller – alles vom Feinsten, es ist schon zu sehen, wo das Budget geblieben ist, das Fifa-Präsident Blatter angeblich im Alleingang genehmigte. Dafür wird er auch von Tim Roth gespielt, einem britischen Charakterdarsteller, bekannt aus Filmen wie „Pulp Fiction“ oder „Reservoir Dogs“. Auch die übrige Besetzung ist vorzeigbar, Gérard Depardieu spielt den WM-Erfinder Jules Rimet und Sam Neill („Das Piano“, „Jurassic Park“) Blatters Vorgänger Joao Havelange. Als das Drehbuch in nur vier Monaten zusammengeschrieben wurde, war der jüngste Fifa-Skandal noch nicht abzusehen. Dennoch wirkt es fast prophetisch.

Im letzten Drittel des Films, in dem es um Blatter geht, fordern ihn 2002 führende Fifa-Mitglieder zum Rücktritt auf, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen. Blatter lehnt ab. „Sie haben keine Beweise gegen mich“, sagt er. Im wahren Leben kündigte Blatter dann, kurz vor dem Filmstart Anfang Juni, seinen Rückzug an. Womöglich aus Angst, dass es doch Beweise gegen ihn gibt. Oder etwa nur, weil ihm sein Filmprojekt zu peinlich war? Peinlich ist ihm offenbar wenig. Der Film-Blatter sagt etwa den Satz: „Man sollte vergeben, aber nie vergessen.“ Klingt klischeehaft. Denselben Satz sagte der echte Blatter dann tatsächlich, kurz vor dem Rücktritt.

Josef Blatter war brachte zahlreiche Änderungswünsche ein

Vielleicht hat er den Film einfach zu oft gesehen. Blatter war de facto Produzent des Films und brachte zahlreiche Änderungswünsche ein. Der französische Regisseur Frédéric Auburtin nennt seinen Film im Nachhinein „ein Desaster“, die Leute „halten mich jetzt für so schlimm wie den Menschen, der Aids nach Afrika gebracht oder die Finanzkrise verursacht hat“. Hauptdarsteller Roth entschuldigte sich im Nachhinein für sein Mitwirken, er habe das Geld gebraucht, aber sein Vater würde sich dafür im Grabe umdrehen.

Dabei spielt Roth wirklich gut. Abgesehen davon, dass er deutlich jünger, schlanker und vollhaariger ist als Blatter, trifft er dessen Mimik und Gestik perfekt, selbst seinen pinguinartigen Watschelgang. Und wenn er als Blatter Sätze sagen muss wie „Ab jetzt wird nach meinen Regeln gespielt, jeder Ethikverstoß wird bestraft“, dann spielt stets ein fast unsichtbares Lächeln um Mund und Augen. Als würde er im Subtext die ganze Lächerlichkeit dieser Propaganda verdeutlichen wollen. Denn eines stellt der Film klar: Blatter ist der Gute, fleißig, loyal, aufrichtig, ein echter Reformer, der Geld ranschafft und mit Korruption aufräumt. Die Bösen sind die Engländer und die Presse, die den Verband seit seiner Gründung 1904 verspotten. Dabei wird das Thema Korruption durchaus angedeutet, aber berückend naiv. Etwa wenn Blatter sich heimlich an einer Raststätte trifft, um dann nur einen Satz Trikots und das Foto eines Balles zu erhalten.

Oder als Gérard Depardieu alias Jules Rimet die erste WM vergibt. Er trifft sich vorab mit einem pomadigen Uruguayer. „Die Fifa mag arm sein, aber unseren größten Schatz verkaufen wir nicht: unsere Ehre“, sagt Depardieu allen Ernstes. Um dann kurz darauf eifrig die Hand des Südamerikaners zu schütteln, als der anbietet, die Fifa großzügig an den WM-Einnahmen zu beteiligen. Den überraschten Gesichtsausdruck, den Depardieu dann macht, als er Jahre später den Namen Uruguay aus dem Umschlag zieht, hätte Blatter selbst nicht besser hingekriegt.

Dabei hätte der Film Potenzial gehabt

Dabei hat der Film durchaus Charme. Etwa wenn historische WM-Finals nachgestellt werden und es wirklich mal kurz um Fußball geht und nicht um alte Männer in Hinterzimmern. Da deutet sich das Potenzial an, das der Film gehabt hätte. Doch um die vielen Logik- und Handlungslücken zu füllen, die nur durch viele nachträgliche Schnitte des Produzenten zu erklären sind, werden immer wieder fußballspielende Kinder gezeigt, damit wenigstens einmal junge Menschen in Bewegung auftauchen. Die Frage bleibt: Wer ist eigentlich die Zielgruppe dieses Films? Die Fifa-Funktionäre selbst? Offenbar nicht das Kinopublikum. Denn obwohl der Film fast 30 Millionen US-Dollar kostete, gab der Weltverband nicht einmal 20.000 Dollar aus, um den Film zu bewerben. Als wolle er gar nicht, dass ihn jemand sieht.

Dennoch hat das Werk seinen Wert, sogar aufklärerischen Charakter. Wer schon immer wissen wollte, wie Joseph Blatter und die Fifa sich ihre Weltsicht zurechtbiegen, der sollte sich unbedingt „United Passions“ anschauen. Wenn der Film denn irgendwo noch gezeigt wird.

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