Fifa-Krise im Live-Ticker : Blatter macht den Reformer

Die Gerüchte kreisen um den Korruptionsskandal bei der Fifa. Der scheidende Präsident Blatter will jetzt Reformen anschieben. Und England steht bereit, die WM 2022 auszurichten. Alle Ereignisse im Liveticker.

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Fifa-Präsident Sepp Blatter steht auch nach seiner Rücktrittsankündigung in der Kritik.
Fifa-Präsident Sepp Blatter steht auch nach seiner Rücktrittsankündigung in der Kritik.Foto: REUTERS

Die Fifa kommt einfach nicht zur Ruhe. Am Dienstag kündigte Präsident Sepp Blatter nur vier Tage nach seiner Wiederwahl seinen Rücktritt an. Als Grund nannte der umstrittene Schweizer fehlendens Vertrauen. Ob dies wirklich der Auslöser war, ist aber sehr fraglich. Denn noch am selben Abend berichteten US-Medien, dass im Korruptionsskandal beim Fußball-Weltverband auch gegen Blatter ermittelt wird. Die Schweizer Behörden untersuchen unterdessen die Vergabeprozesse für die WM 2018 und 2022. Eine Aussage des FBI-Kronzeugen Chuck Blazer lässt nun auch die Weltmeisterschaften in Frankreich 1998 und Südafrika 2010 in den Fokus rücken. Lesen Sie hier die Ereignisse vom Mittwoch noch einmal nach. Einen Kommentar von Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff finden Sie unter diesem Link.

18.44 Uhr: Blatter gibt den Saubermann

Plötzlich geht es ganz schnell. Der in die Ecke getriebene Joseph Blatter will wieder in die Offensive kommen. Der scheidende Fifa-Präsident hat einen ersten Schritt auf dem Weg zu einem umfassenden Reformpaket für den skandalerschütterten Fußball-Weltverband gemacht. Blatter traf am Donnerstag nach Fifa-Angaben in Zürich seine neue rechte Hand Domenico Scala. Scala soll die Neuwahlen an der Fifa-Spitze organisieren und - wie eine Art Treuhänder - den Reformprozess voranbringen. Er ist derzeit Chef der Fifa-Compliance-Kommission, also der Abteilung, die auf sauberes Geschäftsgebaren der Fifa achten soll. Blatter sagte nach dem Treffen, er habe mit Scala den Zeitrahmen und die Arbeitsschwerpunkte abgesteckt. „Ich will ein umfassendes Reformprogramm“, sagte Blatter laut einer Pressemitteilung. „Ich bin mir sehr bewusst, dass nur der Fifa-Kongress diese Reformen verabschieden kann." Nur das Exekutivkomitee kann einen Sonderkongress einberufen, der dann den Präsidenten wählt und Reformen auf den Weg bringt. Zur Vorbereitung des Kongresses sind laut Fifa-Statuten vier Monate notwendig. Aber Blatter scheint wild entschlossen, ein sauberes Haus zu übergeben. Ob die Angst vor dem Gefängnis angesichts der aktuellen FBI-Ermittlungen dabei eine Rolle spielt?

18.37 Uhr: Razzia in Venezuela
Venezuela steigt ein beim großen Fifa-Reinemachen. Venezuelas Staatsanwaltschaft hat den Hauptsitz des nationalen Fußballverbandes FVF durchsuchen lassen. Die von Geheimdienstagenten durchgeführte Aktion steht im Zusammenhang mit der Festnahme von FVF-Präsident Rafael Esquivel, der derzeit mit sechs weiteren Fifa-Funktionären wegen Korruptionsvorwürfen in der Schweiz in Haft sitzt. Die Razzia erfolgte am Mittwoch (Ortszeit) nur wenige Stunden, nachdem die Staatsanwaltschaft beantragt hatte, Esquivels Bankkonten einzufrieren. Dem Venezolaner wird auch Geldwäsche vorgeworfen. Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro unterstützte die Aktion, obwohl er auch Bedenken wegen der Rolle der USA in den Gesamtermittlungen äußerte. Esquivel wird möglicherweise an die USA ausgeliefert.

16.49 Uhr: Deutschland, der Hort der Sauberkeit

Die WM 2006 ist auf blütensauberem Weg nach Deutschland gekommen. Das sagt der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) der „Bild“-Zeitung. „Deutschland hat eine in jeder Hinsicht hervorragende Bewerbung für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 abgeliefert.“ Die habe - mit Unterstützung der Bundesregierung - das Exekutivkomitee der Fifa beeindruckt und überzeugt. Schily hält es für ausgeschlossen, „dass von den für die Bewerbung verantwortlichen DFB-Vertretern versucht worden sein sollte, die Mitglieder des Exekutivkomitees durch unlautere Mittel zu beeinflussen“. Zeitgleich kommt die Meldung, dass die US-Justiz angeblich auch
Vermarktungsverträge für die WM 2014 in Brasilien untersucht. Wie die Zeitung „Estadão“ aus São Paulo in ihrer Online-Ausgabe am Donnerstag berichtet, geht es dabei offenbar hauptsächlich um die Geschäftsbeziehungen von Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke und dem früheren brasilianischen Verbandschef und FIFA-Funktionär Ricardo Teixeira. Es bestehe der Verdacht der gegenseitigen Vorteilsnahme. Zumindest da haben sich aber offenbar auch Deutsche die Hände schmutzig gemacht. Die deutsche Baufirma Bilfinger soll in einen Korruptionsskandal in Brasilien für die Bereitstellung eines Kontroll- und Überwachungssystems für die WM verwickelt sein. Na, solange das FBI uns den WM-Pokal nicht wegnimmt...

13.01 Uhr: Jetzt wird's abenteuerlich: England als WM-Ausrichter 2022?

England wäre dem britischen Kultur- und Sportminister zufolge bereit, anstelle von Katar die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 auszurichten. Es sei zwar unwahrscheinlich, dass 2022 nach Russland wieder ein europäisches
Land an die Reihe käme, falls man Katar die WM wegen Korruption wegnehme, sagte John Whittingdale am Donnerstag in London. „Aber falls die Fifa auf uns zukäme und uns bitten würde, die Ausrichtung in Betracht zu ziehen, hätten wir natürlich in diesem Land die Einrichtungen, und natürlich haben wir eine sehr eindrucksvolle, wenn auch erfolglose Bewerbung abgeben, die Weltmeisterschaft 2018 auszurichten.“

12.15 Uhr: Fifa bei vielen deutschen Banken auf schwarzer Liste

Der Weltfußballverband Fifa ist für viele deutsche Geldhäuser bereits seit langem ein rotes Tuch, wie mehrere Banker der Nachrichtenagentur Reuters sagten. "Die Fifa steht bei uns schon einige Zeit auf der schwarzen Liste, weil die Reputationsrisiken zu groß sind", berichtet ein Mitarbeiter eines großen deutschen Geldhauses. "Wir wollen mit denen nicht gemeinsam in der Zeitung stehen", heißt es auch bei einer anderen deutschen Bank. Die Gefahr für den eigenen Ruf sei größer als der mögliche Ertrag. Die Fifa selbst gibt sich gelassen. Die Frage, ob der Verband Probleme habe, seine Bankgeschäfte abzuwickeln, verneinte Sprecherin Delia Fischer.

10.53 Uhr: Russland die WM wegnehmen? Utopisch!

Wie gut es sich auf der Fifa-Empörungswelle reiten lässt, erkennen immer mehr Politiker. Und jetzt wollen sie sich auch noch die umstrittenen Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar vornehmen. das ist unrealistisch, findet unser Experte Johannes Nedo in einem Kommentar zum Thema.

9.45 Uhr: Australien: Verdacht der Korruption bei der WM-Bewerbung für 2022

Die australische Polizei ermittelt wegen des Verdachts der Korruption rund um die gescheiterte Bewerbung des Landes für die WM 2022. Bei den Untersuchungen geht es auch um den ehemaligen Fifa-Vizepräsidenten Jack Warner, bestätigte die Behörde am Donnerstag. Tags zuvor hatte sich der australische Verbandspräsident Frank Lowy in einem Offenen Brief zu Vorgängen und einer 500.000-Dollar-Zahlung an den
Nord- und Mittelamerikanischen sowie karibischen Dachverband CONCACAF geäußert. Er hatte betont, dass die australische Bewerbung sauber gewesen sei. Er wisse, dass andere es nicht gewesen seien. Die WM wurde letztlich an Katar vergeben. Die halbe Million, die der australische Verband an den CONCACAF überwiesen hatte, sei für eine Machbarkeitsstudie für ein „Centre of Excellence“ gewesen. Spätere Ermittlungen hätten gezeigt, dass Warner das Geld veruntreut habe. Zudem habe es zunächst von dem Centre, hinter dem Warner als damaliger CONCACAF-Präsident gestanden haben soll, eine Anfrage über eine Spende von vier Millionen Dollar für das Projekt gegeben.

Sepp Blatter: Ein Leben für die Fifa
Joseph S. Blatter, wie er sich selbst nennt - besser bekannt als Sepp Blatter - prägte den Weltfußballverband Fifa fast 17 Jahre lang, überstand eine Reihe von Korruptionsskandalen, machte sich viele Gegner, blieb immer hartnäckig und gab dennoch am 2. Juni 2014 seinen Posten als Präsident ab.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: dpa
03.06.2015 12:12Joseph S. Blatter, wie er sich selbst nennt - besser bekannt als Sepp Blatter - prägte den Weltfußballverband Fifa fast 17 Jahre...

9.30 Uhr: Früherer Fifa-Mediendirektor rät Blatter zu Zusammenarbeit mit FBI

Der frühere Fifa-Mediendirektor Guido Tognoni hat Joseph Blatter nach dessen Rücktrittsankündigung zur Zusammenarbeit mit dem FBI geraten. „Ich bin der Auffassung, Sepp Blatter könnte sich unglaubliche Verdienste erwerben und plötzlich in einem ganz anderen Licht dastehen, wenn er selbst sagt: Ich werde Zeuge. Ich gehe zum FBI. Ich werde alles sagen“, sagte der ehemalige Mediendirektor des Fußball-Weltverbandes und Ex-Berater von Blatter bei stern TV.

Mit seiner Darstellung, er habe von allem nichts gewusst, habe sich Blatter „letztlich völlig unglaubwürdig gemacht“, sagte Tognoni. Er hoffe, dass der 79 Jahre alte Schweizer „dazu beiträgt, den Saustall auszumisten und einen totalen Neuanfang zu ermöglichen“.

8.22 Uhr: Vesper: "Blatter noch nicht richtig zurückgetreten"

Der DOSB-Vorstandsvorsitzende Michael Vesper hat im Fußball-Weltverband schnelle Reformen und einen raschen Rückzug von Joseph Blatter gefordert. „Bislang ist Sepp Blatter noch nicht wirklich zurückgetreten. Er hat seinen Rücktritt lediglich angekündigt. Es wäre fatal, wenn man ihn nun den Prozess zur Suche seines Nachfolgers steuern ließe“, sagte der Vorstandschef des Deutschen Olympischen Sportbundes der „Rheinischen Post“ (Donnerstag). Der notwendige Neuanfang sei nur dann möglich, „wenn jetzt unverzüglich die überfälligen Reformen eingeleitet werden. Der Sonderkongress zur Wahl des Nachfolgers muss in Sichtweite sein, er darf nicht auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden“.

7.55 Uhr: Folgt Platini auf Blatter?

Seit Sepp Blatter am Dienstag seinen Rücktritt angekündigt hat, wird fieberhaft über mögliche Nachfolger spekuliert: Der Jordanier Prinz Ali bin al Hussein, der die Wahl gegen Blatter trotz der Unterstützung der Europäer verloren hatte, wird wieder ins Spiel gebracht. Michael van Praag und Luis Figo, die ihre Kandidatur kurz vor der Wahl zurückgezogen hatten, könnten ebenfalls antreten. Auch Scheich Ahmad al Fahad al Sabah aus Kuwait ist interessiert, der Südkoreaner Chung Mong Joon, selbst Diego Maradona wurde genannt. Die Kollegen Dominik Bardow und Johannes Nedo, die beim Fifa-Kongress am Freitag vor Ort waren, sind sich jedoch einig, das nötige Format hat nur ein Kandidat: Uefa-Chef Michel Platini.

Ex-Fifa-Vizepräsident Jack Warner bei einer Pressekonferenz in seiner Heimat Trinidad und Tobago.
Ex-Fifa-Vizepräsident Jack Warner bei einer Pressekonferenz in seiner Heimat Trinidad und Tobago.Foto: REUTERS

7.00 Uhr: Neue Anschuldigungen von Jack Warner

Der ehemalige FIFA-Funktionär Jack Warner hat behauptet, dass der Fußball-Weltverband seine Independent Liberal Party auf Trinidad und Tobago im Wahlkampf 2010 finanziell unterstützt hat. Er habe entsprechende Schecks und anderes Beweismaterial an seine Anwälte übergeben, sagte der 72 Jahre alte frühere FIFA-Vizepräsident am Mittwochabend in einer Fernsehansprache, wie die Zeitung „Trinidad and Tobago Guardian“ am Donnerstag berichtete. FIFA-Chef Joseph Blatter und andere Funktionäre hätten davon Kenntnis gehabt. Außerdem würden einige der Dokumente im Zusammenhang mit "Finanztransaktionen bei der Fifa, einschließlich aber nicht begrenzt auf Präsident Sepp Blatter" stehen, so Warner. In einer späteren Rede soll er sich weiter zu Blatter geäußert haben: "Blatter weiß, warum er zu Fall gekommen ist. Und wenn es sonst noch jemand weiß, dann ich", zitiert ihn "The Guardian".

0.15 Uhr: Chuck Blazer: "Wir haben zugestimmt, Bestechungsgelder für die WM 1998 anzunehmen"

Chuck Blazer, ehemaliges Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, hat US-Gerichtsunterlagen zufolge die Annahme von Bestechungsgeldern vor den Weltmeisterschaften 1998 und 2010 eingestanden. Aus den am Mittwoch veröffentlichten Dokumenten geht hervor, dass der US-Bürger im November 2013 als Kronzeuge vor einem Bundesgericht in New York ausgesagt hat. US-Behörden erklärten, seine zunächst geheim gehaltenen Angaben hätten einen Beitrag zur jüngsten Anklage gegen hochrangige Fifa-Funktionäre geleistet. "Ich und weitere Personen haben im oder um das Jahr 1992 herum zugestimmt, Bestechungsgelder im Zusammenhang mit der Auswahl des Austragungslandes für die Weltmeisterschaft 1998 anzunehmen", wurde Blazer in den Gerichtsunterlagen zitiert, die in zensierter Form veröffentlicht wurden. Die WM ging damals an Frankreich. Weiter hieß es, von 2004 bis 2011 hätten er "und andere Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees" zugestimmt, Schmiergelder für die Austragung des Turniers 2010 entgegenzunehmen, das dann in Südafrika stattfand. "Ich wusste damals, dass meine Taten falsch waren", erklärte Blazer weiter. Der 70-Jährige war von 1997 bis 2013 Mitglied des Komitees. Von 1990 bis 2011 war er auch Generalsekretär von Concacaf, dem Fußballverband von Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik. Neben ihn hatten drei weitere Angeklagte als Kronzeugen ausgesagt. (mit Agenturen)

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