Fifa-Streit : Polen bleibt drin

Die Regierung in Warschau wendet den Ausschluss aus der Fifa und die Aberkennung der EM 2012 in letzter Minute ab. Polen war wegen neuerlichen Korruptionsaffären in Bedrängnis geraten.

Knut Krohn[Warschau]
Blatter
Fifa-Chef Blatter ist vorerst zufrieden. -Foto: AFP

Der große Knall ist ausgeblieben. Am Ende haben der Fußballweltverband Fifa und die polnische Regierung doch noch den erhofften Kompromiss gefunden. „Wir haben Briefe und Dokumente erhalten, wonach sich der Verband und die polnische Regierung geeinigt haben. Wenn diese Einigung am Dienstag umgesetzt wird, ist das für uns ausreichend. Wir werden keine Sanktionen verhängen“, wird Fifa-Chef Joseph Blatter von der Nachrichtenagentur Reuters zitiert.

Die Lösung besteht offensichtlich aus einem kleinen formaljuristischen Winkelzug, durch den sich beide Seiten ohne Gesichtsverlust aus der Affäre ziehen können: Der polnische Fußballverband PZPN wird schriftlich zugeben, dass es Unregelmäßigkeiten in der Tätigkeit des Verbandes gegeben habe. Polens Sportminister Miroslaw Drzewiecki wird dieses Schuldbekenntnis akzeptieren.

Danach werden die polnische Regierung und der polnische Verband gemeinsam einen Antrag auf Änderung des Verwalters beim Gericht stellen. Damit würde der vor einer Woche von der polnischen Regierung zwangseingesetzte Verwalter Robert Zawlocki, den sowohl die Fifa als auch der PZPN ablehnen, auf sein Amt verzichten müssen. So wäre der Weg frei für einen anderen Verwalter, den alle Streitparteien akzeptieren können. Für den Weltverband ist dieser Weg nicht ganz neu. Nach dem Korruptionsskandal in Italien vor zwei Jahren war ein externer Verwalter mit Zustimmung des nationalen Fußballverbandes eingesetzt worden.

Die alte PZPN-Führung mit Präsident Michal Listkiewicz an der Spitze war vor einer Woche suspendiert worden. Sportminister Drzewiecki begründete das radikale Vorgehen mit rechtswidriger Tätigkeit und fehlender Bereitschaft des Verbandes zur Bekämpfung der Korruption.

Fifa und Uefa sahen in diesem Vorgehen jedoch einen Eingriff der Regierung in die Autonomie des nationalen Fußballverbandes. Als die polnischen Politiker sich weigerten, die alte Verbandsführung wieder einzusetzen, ging die Fifa auf Konfrontationskurs und setzte ein Ultimatum. Präsident Joseph Blatter forderte die Verantwortlichen in Polen auf, bis gestern um 12 Uhr alles wieder in den alten Zustand zu versetzen. Andernfalls drohe Polen die Absage der beiden WM-Qualifikationsspiele gegen Tschechien und die Slowakei am 11. und 15. Oktober. Mehr noch: Die Uefa drohte mit der Aberkennung der EM 2012, die Polen mit der Ukraine ausrichten soll.

Doch Sportminister Drzewiecki konnte auf viele Verbündete zählen. So versprachen ihm Premierminister Donald Tusk und Innenminister Grzegorz Schetyna ihre Unterstützung. Auf wessen Seite die einflussreiche Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ stand, wurde gestern in einem bissigen Kommentar deutlich. Regierungschef Tusk habe es noch nie mit einem Gegenspieler zu tun gehabt, der degenerierter und korrumpierter sei als Fifa-Präsident Blatter. Wie Umfragen zeigten, billigten auch die meisten Polen die Absetzung der Verbandsspitze. Ihnen war die Lust auf Fußball durch einen Korruptionsskandal von ungeahntem Ausmaß, allwöchentliche Krawalle und offen gezeigten Rassismus fast vergangen.

Verbandspräsident Listkiewicz scheint jedoch nur eine Art Bauernopfer zu sein. Die erhoffte Wende wird es wohl nicht geben, denn die meisten Kandidaten für die Spitzenposten gehören schon seit Jahren zum „System“.

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