Finale in der Europa League : Chelsea: Nur die Gegenwart zählt

Rafael Benitez wird beim FC Chelsea nicht geliebt und wird den Klub verlassen. Vorher könnte er im Finale der Europa League könnte er mit dem Klub Geschichte schreiben.

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Letzter Schrei. Rafael Benitez wird Chelsea nach der Saison verlassen – vielleicht mit einem Titel im Europapokal. Foto: dpa
Letzter Schrei. Rafael Benitez wird Chelsea nach der Saison verlassen – vielleicht mit einem Titel im Europapokal. Foto: dpaFoto: dpa

John Terry kann wegen einer Knöchelverletzung leider nicht im Europa-League-Finale gegen Benfica Lissabon spielen, seine Schienbeinschoner hat der Kapitän des FC Chelsea natürlich trotzdem eingepackt. Der Klub aus London hat bestätigt, dass der 32-Jährige im Falle eines Sieges in der Amsterdam-Arena den Pokal mit in die Höhe stemmen dürfe. So wie vor einem Jahr in München: Terry war für das Champions-League-Endspiel gegen die Bayern gesperrt und erschien nach dem Schlusspfiff doch stolz in voller Spielermontur zur Siegerehrung.

Die Geschichte könnte sich am Mittwoch auch in anderer Hinsicht wiederholen. Der Spanier Rafael Benitez ist schon der dritte Interimstrainer, der mit Chelsea ein europäisches Finale bestreitet. Sein Vorgänger Roberto Di Matteo gewann in dieser Funktion vor einem Jahr die Champions League, Avram Grant verlor 2008 im selben Wettbewerb im Elfmeterschießen. Vielleicht haben die Trainer ohne feste Anstellung mehr Handlungsspielraum im Klub des launischen Rohstoff-Oligarchen Roman Abramowitsch – sie müssen nicht um die eigene Zukunft bangen, sondern sich nur um die Gegenwart kümmern.

Benitez zum Beispiel rotiert seit Wochen den Kader ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten des Ancien Régime um Terry und Frank Lampard, der gegen die Portugiesen voraussichtlich ebenfalls nicht in der Startelf stehen wird. „Wir müssen das Beste aus dem Kader herausholen“, sagte der 53-Jährige. 67 Pflichtspiele haben an der Kondition gezehrt. Nach dem 2:1-Sieg in der Liga bei Aston Villa hat Chelsea als Drittplatzierter das Minimalziel, die Qualifikation für die Champions League, fast schon sicher; nun können die Londoner nach Juventus Turin, Ajax Amsterdam und dem FC Bayern München der vierte Klub werden, der alle drei europäischen Pokale gewonnen hat.

Mehr als ein prestigeträchtiger Trost für das frühe Aus in der Gruppenphase der Champions League und die wechselhaften Leistungen in der Meisterschaft kann ein Sieg in der Europa League jedoch nicht bedeuten. Wie viel – oder wie wenig – der zweitwichtigste europäische Wettbewerb den Blauen wirklich wert ist, wurde in einem kulinarischen Einlassung von David Luiz offensichtlich. „Wir sind immer hungrig auf Titel“, sagte der brasilianische Verteidiger. „Im letzten Jahr gab es ein gutes Steak, jetzt immerhin Hühnchen.“ Enthusiasmus hört sich doch etwas anders an.

Ungewöhnlich an diesem Finale ist aus Londoner Sicht auch, dass in der Amsterdam-Arena keinerlei Weichen gestellt werden. Vom Ausgang des Finales hängt nicht viel ab. Benitez, der bei den Fans wegen seiner Vergangenheit als Trainer des FC Liverpool ungeliebte Spanier, verlässt unabhängig vom Resultat den Klub im Sommer. „Ich suche nach einem neuen Job in der Premier League“, gab der 53-Jährige vor der Abreise in die Niederlande offen zu. Unabhängig vom Ausgang in Amsterdam wird es für Rafa, wie ihn die Spieler rufen, schwer, in England Fuß zu fassen – für den englischen Geschmack verfügt er nicht über genügend Siegeraura.

Dieses Problem hat José Mourinho nicht. Der 50-Jährige, der im September 2007 nach einem Streit mit Abramowitsch gefeuert wurde, wird an die Stamford Bridge zurückkehren, das steht seit Wochen fest. Der Russe hat sich mit dem Portugiesen schon lange ausgesöhnt, man will es noch einmal miteinander versuchen – auch weil beiden Parteien die Alternativen fehlen. Mourinho hatte auf das Amt von Alex Ferguson bei Manchester United spekuliert, war jedoch im Old Trafford wegen seiner Art, die Schlagzeilen zu monopolisieren, nie ein ernsthafter Kandidat. Der FC Chelsea wiederum hätte gerne Pep Guardiola verpflichtet. Nur die Modalitäten von Mourinhos Wechsels von Real Madrid sind noch zu klären. Abramowitsch ist nicht bereit, den Spaniern eine Abfindung für einen Trainer zu zahlen, den diese nach vielen Querelen nur allzu gerne feuern würden. Andererseits hofft Madrid, dass der Egomane aus freien Stücken geht, weil ihm sonst eine zweistellige Millionensumme zusteht.

In London wird spekuliert, dass „The Special One“ als erste Amtshandlung Frank Lampard einen neuen Vertrag anbieten könnte; die perfekte PR-Aktion wäre es auf jeden Fall. Chelsea hat dem 34-Jährigen, der mit zwei Treffern gegen Aston Villa am Samstag zum Rekordtorschützen des Vereins wurde (203 Treffer), bisher noch keine Verlängerung seines Engagements über den Sommer hinaus angeboten; sehr zum Unmut der Fans. John Terry ist – das ist die gute Nachricht für alle Freunde der alten Garde – im nächsten Jahr auf jeden Fall noch dabei. Sein Vertrag läuft noch bis 2014.

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