Finale in der Formel 1 : Ferrari grübelt und hofft

Felipe Massa hat im Ferrari vor dem letzten Saisonrennen in Brasilien sieben Punkte Rückstand auf Lewis Hamilton. Ferrari kann sich den Leistungsabfall nicht erklären und flüchtet in die Psychologie.

Karin Sturm[Schanghai]
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Fieberhafte Fehlersuche. Das gesamte Ferrari-Team versucht, Massas Wagen bis zum Wochenende schneller zu machen. -Foto: AFP

Felipe Massa musste den Vergleich mit dem Fußball bemühen, um nicht in Depressionen zu verfallen. Vor dem Saisonfinale in Brasilien in zwei Wochen setzt er auf eine in der wissenschaftlich geprägten Formel 1 eher selten bemühte emotionale Tugend: den Heimvorteil. „Wenn man zu Hause spielt, dann spielt man für gewöhnlich immer besser“, sagte der brasilianische Ferrari-Pilot. „Ich habe in den vergangenen beiden Jahren in Brasilien sehr gute Erfahrungen gemacht, hoffentlich können wir das wiederholen.“
Rein wissenschaftlich betrachtet gibt es für Massa und Ferrari in der Tat weit weniger Anlass für Optimismus. Der Brasilianer reist nach seinem zweiten Platz in Schanghai mit einem Rückstand von sieben WM-Punkten nach Sao Paulo – Rennsieger und WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton würde im McLaren-Mercedes bereits ein fünfter Platz zum Titelgewinn reichen. Trotz Massas Durchhalteparolen vom Schlage „Wir dürfen den Kopf nicht hängen lassen, es ist noch nicht vorbei“ sah man der gesamten Ferrari-Mannschaft die Niedergeschlagenheit an.

Vielleicht lag es an den Reifen - aber sicher ist Ferrari sich nicht

Die Italiener waren schließlich mit der Hoffnung nach China gekommen, das schnellere Auto zu haben oder im anderen Fall zumindest von einer erneuten Nervenschwäche Hamiltons profitieren zu können. Doch diese Hoffnung wurde gleich doppelt enttäuscht: Nicht nur, dass Hamilton eine perfekte Leistung ablieferte, Ferrari war auch schlicht zu langsam. Und das Schlimmste daran: Die Italiener wussten absolut nicht, warum.

„Von unserer Performance her war dieses Rennen gemeinsam mit dem in Deutschland sicher unser schlechtestes in diesem Jahr“, sagte Teamchef Stefano Domenicali. „Vor Brasilien müssen wir jetzt analysieren, warum und wie das möglich war, dass wir so zurückgefallen sind. Denn in Singapur und Fuji waren wir wirklich schnell.“ Eine von Domenicalis Vermutungen betreffen die Reifen, denn die in China verwendeten Mischungen „waren die gleichen wie in Hockenheim“. Mit großer Gewissheit verkündete er diesen Umstand aber nicht.

2007 verlor Hamilton den Titel im letzten Rennen noch

So bleibt den Italienern in diesen Tagen nur, den Tank bis zum Rand mit Hoffnung zu füllen. Zum Beispiel mit der, die ein Blick ins vergangene Jahr nährt. Damals kam Hamilton unter ähnlichen Voraussetzungen zum Saisonabschluss nach Brasilien und verlor den Titel noch an Räikkönen. Das allein wird Massa bei dem Versuch, als erster Brasilianer seit Ayrton Senna 1991 wieder Weltmeister zu werden, aber nichts nützen. „Hoffnung ist immer wichtig“, sagt Massa. „Aber mit Sicherheit brauche ich auch ein gutes Auto.“ Und ein gutes Lenkvermögen – denn in Schanghai konnte der 27-Jährige nicht einmal das Tempo seines Teamkollegen Räikkönen mitgehen und zwang ihn daher zu einem kontroversen Platztausch kurz vor Rennende. Da zuvor aber keine entsprechende Anweisung aus der Ferrari-Box erfolgt war, blieb die Stallorder ungeahndet.

Immerhin fand Stefano Domenicali noch ein weiteres Feld, um sich Hoffnung zu machen: Psychologie. Den Druck, verkündete er in Richtung der Konkurrenz, werde jedenfalls nicht nur sein Team spüren. „Lewis denkt sicher: ,Meine Güte, das wird noch ein schwieriges Rennen!‘“, sagte der Ferrari-Teamchef. „Ihm geht das durch den Kopf und Felipe auch und uns als Team auch. Es ist ganz wichtig, dass wir cool bleiben.“ Doch auch in dieser Disziplin hat Lewis Hamilton momentan die Nase vorn. Der Brite zeigte sich in einem Interview mit dem brasilianischen Fernsehen überzeugt davon, dass er in Brasilien sehr beliebt sei. „Auf den Tribünen werde ich mindestens so viele Fans haben wie Massa.“ Mit so viel Autosuggestion kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

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