Finalniederlage : Frust und Trost für Alba Berlin

Die Berliner Basketballer sind nach der Niederlage gegen Bamberg und der verpassten Meisterschaft untröstlich – aber sie werden von ihren Fans wieder aufgebaut.

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Konfetti für die Falschen. Bambergs Spieler feiern ihr zweites Double aus Pokalsieg und Meisterschaft, Alba Berlins Trainer Muli Katzurin verlässt geschlagen das Spielfeld.
Konfetti für die Falschen. Bambergs Spieler feiern ihr zweites Double aus Pokalsieg und Meisterschaft, Alba Berlins Trainer Muli...Foto: camera4

Die letzte Mannschaftsbesprechung bekam Heiko Schaffartzik schon gar nicht mehr mit. Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen starrte Albas Aufbauspieler wie versteinert zur Hallendecke, ins Publikum und dann auf die Mitte des Spielfelds, wo Bambergs Kapitän Casey Jacobsen gerade den Pokal für die deutsche Basketball-Meisterschaft überreicht bekam. Im Anblick des Konfettiregens merkte Schaffartzik nicht, dass sich Albas Team in seinem Rücken noch einmal versammelte, für eine letzte Ansprache, einen letzten Moment als Mannschaft. So nahe am Titel waren die Berliner gewesen, am Ende aber hatte Bamberg das fünfte Endspiel mit 72:65 gewonnen und damit die Meisterschaft und das zweite Double in Folge geholt. Während die Party in der Bamberger Arena richtig losging, trotteten die Alba-Profis mit hängenden Köpfen in die Kabine.

Kurz darauf war Schaffartzik der erste Berliner, der Worte für die Niederlage fand. „Bamberg hat im vierten Viertel Dreier getroffen. Ich weiß nicht, wie viele, ich kenne die Statistik nicht – aber sie haben einfach Dreier getroffen, das hat den Ausschlag gegeben“, sagte der 27-Jährige traurig. Als es am meisten darauf ankam, hatten die Berliner Bambergs John Goldsberry und Brian Roberts frei stehen lassen, die beiden Aufbauspieler nutzten ihre Chancen meisterlich und verwandelten die beiden entscheidenden Dreipunktewürfe. „Es gab tolle Momente in dieser Saison, in diesen Play-offs. Aber mir reicht das nicht“, sagte Schaffartzik, während der handelsübliche Meisterschaftsmix aus Fetenhits und Kirmestechno durch die geschlossene Tür in den Seitengang der Arena wummerte. Bryce Taylor, die Entdeckung der Saison bei Alba, verließ die Kabine mit dicken Eisbeuteln auf dem linken Knöchel und dem rechten Knie. „Es tut sehr weh, man kann sich auf so etwas nicht vorbereiten“, sagte Taylor und meinte damit nicht die Blessuren an seinem Körper, sondern den Schmerz in seinem Inneren. Taylor bot ein Bild des Jammers, wie er in Adiletten und mit einer scheinbar tonnenschweren Sporttasche über der Schulter in Richtung Ausgang humpelte.

Nur wenige Minuten später strahlte Bryce Taylor über das ganze Gesicht. Er und seine Mitspieler waren vor der Halle umringt von heiteren, ja glücklichen, gelb gekleideten Menschen. Rund 700 Alba- Fans waren mit nach Bamberg gereist, der verpasste Titel schien ihre Liebe für dieses rätselhafte Team noch vergrößert zu haben. Der Klub hatte seinem Anhang Freibier und Würstchen spendiert, mitten in der Menge standen die Berliner Spieler, gaben Autogramme, neigten ihre Köpfe zu Gruppenfotos herab und tranken Bier aus Plastikbechern. Sven Schultze war anzusehen, wie gut es ihm tat, für seine harten Fouls am Bamberger Predrag Suput gefeiert zu werden, nachdem ihn das Publikum in seiner Heimatstadt zuvor selbst bei der Siegerehrung noch ausgepfiffen hatte. Die eigentlich braven und friedliebenden Berliner Fans haben in dieser Saison Gefallen an verhaltenem Rowdytum und dezenter Provokation gefunden. Und so schallte gegen Mitternacht immer wieder ihr neues Lieblingslied mit dem Titel „Auf die Fresse von Suput“ über den Parkplatz der Bamberger Arena.

Dass so viele Alba-Anhänger nach Franken gereist waren, hat wohl auch mit dem Charakter des Berliner Teams zu tun. Noch vor einem Jahr war Alba blutleer und kopflos im Bundesliga-Viertelfinale ausgeschieden, in dieser Saison hatte sich die Verpflichtung von positiven Typen wie Schultze, Taylor, Patrick Femerling oder Yassin Idbihi deutlich bemerkbar gemacht. „Ich habe in meiner Karriere noch nie so eine Mannschaft erlebt“, sagte Power Forward Tadija Dragicevic. „Wir haben immer zusammengehalten, dieser Teamspirit hat uns so weit gebracht.“ Auch Mithat Demirel konnte sich nach seiner ersten verkorksten Saison als Team-Manager über die Mannschaft freuen: „Es war schön mitanzusehen, wie sich das entwickelt hat in den letzten Wochen und Monaten, wie die Spieler immer weiter an sich geglaubt haben.“ Diesen Zusammenhalt werden die Berliner weiter fördern müssen, wenn sie in näherer Zukunft noch einmal Meister werden wollen. Bamberg schickt sich an, eine Dynastie zu etablieren, wie sie früher Leverkusen und eben Alba im deutschen Basketball aufgebaut hatten: Selten hat ein Klub eine Bundesligasaison so dominiert. Auch wenn die Berliner Bamberg alles abverlangt hatten, war klar, dass am Ende das beste Team der Saison den Titel gewonnen hatte.

Um kurz vor 1 Uhr rief Demirel die letzten Spieler in den Bus, Femerling und Schultze schien es schwerzufallen, sich von ihren kleinen gelben Freunden loszureißen. „Schultze, Schultze, Schultze fährt den Bus“, forderten die Alba-Fans. An der Ortskenntnis des 33-Jährigen wäre dieses Unterfangen sicher nicht gescheitert, an einer Polizeikontrolle mit Sicherheit schon. Ein letztes Hupen, dann rollte Albas Mannschaft in Richtung Berlin in die Nacht, ohne einen Pokal im Gepäck. Aber mit dem Gefühl, irgendwie doch irgendetwas gewonnen zu haben.

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