Finanzierung von Spitzensport : Sven Knipphals: Sprinter sucht Spender

Als Sven Knipphals Olympia verpasste, verlor er seinen Hauptsponsor - und begann, seine Sportkarriere über Crowdfunding zu finanzieren.

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Sven Knipphals sorgt mit seiner Crowdfunding-Aktion fortlaufend für Aufmerksamkeit gesorgt.
Sven Knipphals sorgt mit seiner Crowdfunding-Aktion fortlaufend für Aufmerksamkeit gesorgt.Foto: dpa

In letzter Zeit hat Sven Knipphals oft über Verunsicherung gesprochen. Als ihm das Wort nun, kurz vor seinem Start bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking, rausrutscht, benutzt er es zum ersten Mal seit Langem in einem neuen Zusammenhang. „Ich lasse mich von dem einen ärgerlichen Resultat nicht verunsichern“, sagt der 100-Meter-Sprinter – und meint damit sein überraschendes Aus im Vorlauf der deutschen Meisterschaften Ende Juli in Nürnberg. „Denn eigentlich bin ich in Topform.“ Wenn Knipphals am Samstag im Olympiastadion von Peking über seine Spezialdisziplin antritt, hat er sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Er wolle das WM-Halbfinale erreichen, sagt er, schließlich habe er in dieser Saison seine Bestzeit auf 10,13 Sekunden verringert.

Typische Aussagen eines Leichtathleten sind das, doch Knipphals ist kein typischer Leichtathlet. Denn wenn man ihn auf Themen anspricht, die zwar mit seinem Sport zu tun haben, aber sich nicht direkt auf die bisherigen und kommenden Resultate beziehen, gibt er besondere Antworten. Einfach aus dem Grund, weil er auf ein besonderes, untypisches Modell setzt, um sich seine Sportlerkarriere zu finanzieren. Und dieses Modell hat dann eben doch viel mit Verunsicherung zu tun.

Sven Knipphals gehört zu den acht schnellsten Deutschen der Geschichte

Knipphals gehört mit seiner 100-Meter-Zeit von 10,13 Sekunden zu den acht schnellsten Deutschen der Geschichte. Bei den Europameisterschaften vor einem Jahr gewann er Silber mit der 4x100-Meter-Staffel. Der 29-Jährige vom VfL Wolfsburg kann also schon einige Erfolge vorweisen. Doch so beachtlich diese Leistungen sind, im derzeitigen deutschen Sportsystem ermöglichen sie ihm nicht, sich ohne Verunsicherung allein auf den Sport konzentrieren zu können. Und da ist Knipphals bei Weitem nicht der Einzige. Wie hart es für einen wie ihn sein kann, musste er schon oft erfahren.

Nachdem Knipphals die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 in London um ein paar Hundertstelsekunden verpasst hatte, teilte ihm sein Ausrüster Nike mit, man wolle ihn erst dann wieder mit Kleidung und Schuhen unterstützen, wenn er sich deutlich verbessert habe. Für Knipphals fühlte sich das an, als werde er als Sportler zweiter Klasse abgestempelt. Einen neuen Ausrüster fand er nicht. Und mit der Unterstützung der Deutschen Sporthilfe von 300 Euro monatlich, etwas Geld vom VfL Wolfsburg, dem Landesverband sowie eines kleinen Sponsors sah er es als nahezu unmöglich an, sich seinen Traum von Olympia in Rio de Janeiro zu erfüllen. Auf 1000 Euro im Monat kommt er derzeit, ohne seinen Job als Chiropraktiker in Leipzig, dem er dreimal pro Woche nachgeht, würde es nicht funktionieren.

Crowdfunding, um mit der weltweiten Konkurrenz mithalten zu können

So probierte Knipphals, sich seinen Sport auf andere Weise zu finanzieren – die Ausrüstung, die Trainingslager, eben all das, was man braucht, um sich zu verbessern und mit der weltweiten Konkurrenz mithalten zu können. Jeder, der möchte, kann seit November 2014 über Knipphals’ Crowdfunding-Internetseite für ihn spenden. Crowdfunding bedeutet, man sammelt sich das Geld für ein Projekt über viele Unterstützer zusammen. Bisher wird dieses Modell besonders stark in der Film- und Musikbranche angewendet. Und auch wenn es mittlerweile einige Plattformen für Sportprojekte gibt, im deutschen Sport hat noch kein Athlet so konsequent auf Crowdfunding gesetzt wie Knipphals. Für einen kleinen Betrag (15 Euro) verschickt er als Gegenleistung eine Autogrammkarte mit persönlicher Widmung, für mehr (150 bis 250 Euro) bietet er ein persönliches Training an. Er hat sich da einiges einfallen lassen. Er musste sich einiges einfallen lassen. „Man muss viel Eigenmarketing betreiben, sonst könnte ich nicht konkurrieren“, betont Knipphals.

Die meisten deutschen Sportler gehören der Polizei oder der Bundeswehr an, dadurch können sie sich allein auf den Sport fokussieren. Für Knipphals war das keine Option, er hatte den Wehrdienst verweigert. Und überhaupt wollte er sich nicht nur auf den Sport verlassen, er studierte in England Chiropraktik. „Aber mit einer dualen Karriere bleibt man im deutschen Sport oft auf der Strecke“, sagt Knipphals. Mit seiner Crowdfunding-Initiative sieht er sich als Vorkämpfer. Er wolle nicht jammern, betont Knipphals, er verhungere ja nicht. Aber er möchte zeigen, dass es zwischen dem Anspruch und der tatsächlichen Unterstützung hierzulande eine große Diskrepanz gebe.

Einen Betrag im unteren vierstelligen Bereich hat Knipphals durch das Crowdfunding bisher eingenommen. Nicht viel, aber er erzeugt weiter Aufmerksamkeit. So hat er einen neuen Hauptsponsor gefunden, die Finanzierung bis Rio steht. Und neue Sportkleidung bekommt er auch. Die Wolfsburger Fußballer gaben ihm ihre Trikots. Knipphals hat sich dann einfach für sein Sprinter-Outfit von den Jerseys die Ärmel abnehmen lassen.

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