Sport : Finster ins Finale

Frankreich siegt unverdient im hässlichsten WM-Halbfinale der Rugby-Geschichte 9:8 über Wales

Matthias Sander[Bordeaux]
Durchbruch im Eden Park. Der französische Center Maxime Mermoz (mit Ball) entkommt im Halbfinale dem Waliser Jamie Roberts (unten). Foto: AFP
Durchbruch im Eden Park. Der französische Center Maxime Mermoz (mit Ball) entkommt im Halbfinale dem Waliser Jamie Roberts...Foto: AFP

Welcher Franzose sich nach dem Schlusspfiff auch äußerte, alle gaben sie es unumwunden zu. „Wir haben mit Angst im Bauch gespielt“, sagte Vincent Clerc; „wir haben uns selbst erschrocken“, gestand Dimitri Yachvili; Morgan Parra resümierte: „Zu Spielbeginn waren wir etwas hektisch, dann hatten wir Angst bis zum Schluss.“ Trotzdem besiegte Frankreich im Halbfinale der Rugby-WM die klar besseren Waliser knapp mit 9:8. Das lag nicht zuletzt daran, dass die Chancenverwertung beider Mannschaften umgekehrt proportional zu ihrer Angst war: Während Parra für die Franzosen alle drei Strafstöße verwandelte, ließen die beherzten Waliser eine Erhöhung und drei Strafkicks ungenutzt. Folglich trifft Frankreich im Finale am kommenden Sonntag auf den Gewinner der heutigen Partie zwischen Gastgeber Neuseeland und Australien (10 Uhr, Zusammenfassung um 14 Uhr bei Sport 1).

Früh stellte sich heraus, dass die finsteren Blicke der Franzosen beim inbrünstigen Singen der Marseillaise wohl die eigene Unsicherheit kaschieren sollten. Unter dem Druck der Waliser leistete sich die französische Hintermannschaft manchen folgenschweren Fehlpass – zum Entsetzen tausender Fans in französischen Cafés, Bars und Fankneipen. Der sicher verwandelte Strafkick von James Hook zur walisischen Führung entsprach dem Lauf der Dinge.

In den folgenden zehn Minuten musste Wales mehrere Rückschläge hinnehmen. Der erfahrene Adam Jones verließ verletzt den Platz und fehlte fortan in den Gedrängen. Hook leistete sich den ersten von zwei vergebenen Strafkicks. Und schließlich wurde Sam Warburton nach einem brutalen Foul vom Platz gestellt. Der Waliser hatte Vincent Clerc rund eineinhalb Meter in die Luft gehoben und auf den Boden knallen lassen.

Den anschließenden Strafstoß nutzte der Franzose Parra zum Ausgleich, Yachvili warf sich kurz vor der walisischen Grundlinie langgestreckt in einen Rettungsversuch der Waliser. Und im Gedränge machten die französischen Stürmer den Walisern das Leben schwer. Noch vor der Pause erzielte Parra das 6:3. Die Waliser waren selbst in Unterzahl couragierter. Mike Philipps verwandelte in der 58. Minute den einzigen Versuch des Spiels. Bei der Erhöhung vergab Stephen Jones allerdings die Führung. Die Franzosen ließen nur noch einen Strafkick an der Mittellinie zu, dessen Verwandlung Leigh Halfpenny fünf Minuten vor Schluss knapp verpasste.

Wie die dritte französische Finalteilnahme nach 1987 und 1999 zustande kam, kümmerte die Betroffenen wenig. „Das war sicherlich das hässlichste Halbfinale der WM-Geschichte“, sagte Frankreichs Trainer Marc Lièvremont. Wenn Frankreich allerdings auf diese Weise zum ersten WM-Titel kommen sollte, „werden wir wieder so Rugby spielen“.

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