• Firmenteam ja - Vollprofi nein. Der Eisschnellläufer sucht neue Wege im Sponsoring

Sport : Firmenteam ja - Vollprofi nein. Der Eisschnellläufer sucht neue Wege im Sponsoring

Ernst Podeswa

Christian Breuer ist ein fixer Junge. Mit den Beinen wie mit dem Köpfchen. Die gut trainierten Oberschenkel und Waden trugen ihn in Calgary zum Weltrekord im kleinen Vierkampf sowie zu nationalen Bestmarken von 500 m bis 3000 m. Doch das reichte nicht, um einen Sponsor zu finden. Breuer ist Eisschnellläufer - in Deutschland eine Sparte, die nur durch WM- und Olympiasiege ins Rampenlicht rückt. Beim talentiertesten Allrounder unter dem Dach der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) aber rührte sich nichts. Also nahm der Grefrather Kontakt zu einem der in Holland in Mode gekommenen Privatteams auf. Seit dem Herbst prangt das Logo des Sponsors auf seinem Laufanzug. "Unit 4 ist ein Software-Unternehmen, das im Sektor von SAP tätig ist und auf dem deutschen Markt Chancen sieht", sagt Breuer.

Der 23-Jährige sei damit der "erste Vollprofi" im deutschen Eislaufsport, vermeldeten daraufhin die Agenturen. Eine Formulierung, die Breuer in Erklärungsnöte brachte. Nach Gesprächen mit seinem Vorgesetzten und dem Verband präsentierte der junge Mann diese Lesart: "Ich bin kein Profi, höchstens in dem Sinne, dass ich wie andere DESG-Läufer optimale Trainingsbedingungen habe. Beruflich werde ich beim Bundesgrenzschutz zum Polizeimeister ausgebildet, starte aber weiter für Grefrath und für die DESG." Allerdings, am Sportdress erkennbar, auch als Werbeträger für das erwähnte Firmenteam. "Dem bin ich vor allem beigetreten, weil hierzulande kein Sponsorenvertrag zu erhalten war." Eine Kritik am Verband, der bislang nur einen Mannschaftssponsor (Vita Cola) aquiriert hat und "nun hoffentlich aufgewacht ist."

Vor gut zwei Jahren etablierte sich im Mutterland des Eislaufsports auf Initiative von Welt- und Europameister Rintje Ritsma, der in dieser Woche mit dem Eis-Oscar ausgezeichnet wurde, der erste Firmen-Eisrennstall "Sanex" (Kosmetik). Inzwischen kamen Spaarselect, Sense und eben Unit 4 dazu. Alle sind - ähnlich wie die Profiställe im Radsport - aus Nationalitäten bunt zusammen gewürfelt. In Breuers Team kommen acht Eisflitzer aus fünf Ländern: Holland, Kanada, Polen, Russland und Deutschland. Welche Vorteile ergeben sich außer dem finanziellen Plus - Breuer erhält vom Sponsor monatlich nochmal das Gleiche wie bei der Bundeswehr plus Erfolgsprämien - noch? "Ich kann individueller und flexibler als bei der DESG trainieren. Der Verband ist logischerweise nicht in der Lage, einen Lehrgang mit 60 Leuten bei schlechtem Wetter oder Krankheit des Sportlers kurzfristig umzudisponieren. Mit einer Achtergruppe fällt das leicht." Einer von zwei Trainern bei Unit 4 ist Breuers holländischer Coach Pierre Bijsterfeld, dazu stehen zwei Physiotherapeuten, ein Arzt und der Service des Olympiazentrums Papendahl zur Verfügung. Das erklärt, weshalb DESG-Experten generell einen Leistungsschub erwarten.

Innerhalb der DESG hat Breuer ein bisschen Neid, aber auch Neugier ausgemacht. "Ich habe mich mit ihm unterhalten, aber mein Ehemann und Manager Oliver hat alles durchgerechnet. Der Beitritt zu einem Privatteam wäre riskant für mich, auch wenn die Sache finanziell zunächst verlockend wäre. Doch was wird aus meinen Sponsoren, aus meinem Trainer?", fragt sich Gunda Niemann-Stirnemann. Weil ihr Marktwert bekannt sei, habe wohl kein Privatteam bei ihr angeklopft. Auch nicht bei Weltmeisterin Monique Garbrecht übrigens oder Olympiasiegerin Claudia Pechstein. Die DESG stand von Beginn an positiv zu Breuers Schritt, denn dessen Lehrgangskosten trägt Unit 4. Die Gefahr ist jedoch DESG-Sportdirektor Günter Schumacher bewusst: "Wenn alle Spitzenläufer in Firmenteams abwandern - welche Aufgabe, außer der Nachwuchsarbeit, hätte dann noch der Verband?"

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