Sport : Fliegen ohne Schmerzen

Stabhochspringer Otto hat sich zurückgekämpft.

Konstantin Jochens[Karlsruhe]
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Der Hauptdarsteller des Tages war von seiner Leistung noch am wenigsten überrascht. „Ich habe immer gewusst, dass ich hoch springen kann“, sagte Björn Otto. „Wenn ich gesund bin.“ Zuvor hatte der 34 Jahre als Stabhochspringer bei den deutschen Hallenmeisterschaften der Leichtathleten mit der Höhe von 5,92 Meter den Titel gewonnen, nie zuvor war ein deutscher Hallenmeister höher gesprungen. „Was er zurzeit leistet, ist einfach sensationell“, musste der entthronte Titelverteidiger Malte Mohr vom TV Wattenscheid zugeben, der als Zweiter mit 5,87 Metern selbst einen starken Wettkampf bot.

Um Otto zu bezwingen, reichte das an diesem Tag aber nicht. Der gebürtige Cottbusser, der für Bayer Uerdingen/Dormagen startet, war in der Vergangenheit immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen worden. Im Jahr 2010 setzten ihm Achillessehnenprobleme so sehr zu, „dass ich noch nicht einmal mehr ohne Schmerzen zum Klo gehen konnte“, wie er nun berichtet. Im vergangenen Jahr – er hatte sich gerade wieder zurückgekämpft – folgte ein weiterer Rückschlag. Beim Meeting in Landau sprang er 5,80 Meter, das wäre die Norm für die Weltmeisterschaft im südkoreanischen Daegu gewesen. Doch der Deutsche Leichtathletik-Verband erkannte die Leistung nicht an, weil der Anlaufsteg nicht mit einem Lasergerät vermessen war. Die vermeintliche WM-Norm war wertlos für Otto, die Wettkämpfe in Südkorea verfolgte er am Fernseher.

Nicht wenige glaubten damals, der 34-Jährige würde den Schlussstrich unter seine erfolgreiche Karriere setzen, die 2007 mit der Bronzemedaille bei der Hallen-EM ihren bisherigen Höhepunkt hatte. Anzeichen dafür gab es genug. Otto investierte viel Zeit in seine Diplomarbeit im Fach Biologie und liebäugelte offen damit, das Fliegen mit dem Stab gegen das Fliegen mit dem Flugzeug einzutauschen. Der Pilotenschein war schon immer ein Traum von ihm gewesen. Doch ein anderer Traum war noch stärker: der Wunsch, endlich einmal bei Olympischen Spielen zu starten. Für dieses Ziel arbeitete Otto hart. Er speckte vier Kilo ab und krempelte seine Technik radikal um. Otto springt jetzt weiter entfernt von der Matte ab als je zuvor, dadurch kann er sich noch besser in die Höhe katapultieren. Doch was noch wichtiger ist: Er ist endlich einmal schmerzfrei durch den Winter gekommen. „Ich habe seit September kein einziges Training abbrechen müssen“, sagt er. Statt wie sonst erst im Januar sprang er schon Mitte Dezember aus vollem Anlauf. „Dadurch habe ich 200 Sprünge mehr auf dem Buckel. Das gibt Sicherheit.“

Nur einer ist in diesem Jahr noch besser in Form als Björn Otto: der Franzose Renaud Lavillenie, der bereits die 5,93 Meter überquert hat. Beide gelten als Favorit für die Hallen-WM in Istanbul Mitte des nächsten Monats. Während viele Athleten die Titelkämpfe in der Türkei auslassen, um sich gezielt auf den Sommer mit den beiden Höhepunkten EM und Olympia vorzubereiten, kam eine Absage für Otto nie in Frage. Wettkampf, sagt er, sei das beste Training: „Also ist die Hallen-WM auch das beste Training für den Sommer.“

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