Sport : Flieger mit Bodenkontakt

Richard Freitag rückt nach seinem ersten Sieg und vor der Vierschanzentournee in die Rolle des Hoffnungsträgers des deutschen Skispringens. Eine Aufgabe, die noch zu groß sein könnte.

von

Berlin - Der Skisprung-Bundestrainer stand an der Schanze, er beobachtete seinen Athleten, seinen Absprung, seinen Flug, seine Landung, immer wieder studierte er das alles. Irgendwann brummte er: „Aus dem Jungen wird mal ein Großer.“

Das war 2005. Der Bundestrainer hieß Reinhard Heß. Der Athlet war Richard Freitag, 14 Jahre alt.

Sieben Jahre später brüllte Freitag „Wahnsinns-Wochenende“ in alle möglichen Mikrofone, schüttelte Hände, nahm strahlend Glückwünsche entgegen. Der Junge ist auf gutem Weg, ein Großer zu werden. Richard Freitag, Heimatverein Niklashütte Aue, hatte am Wochenende den Weltcup in Harrachov gewonnen, es war sein erster Weltcup-Sieg. Neben ihm auf dem Podest, auf Rang drei, sein Zimmergenosse Severin Freund.

Gestern war er wieder zu Hause in Breitenbrunn in Sachsen, bei der Familie, also auch bei Vater Holger, dem Orthopäden und früheren Skispringer, der am 8. Januar 1983 ebenfalls in Harrachov gewonnen hatte. Das Telefon läutete ununterbrochen, über Nacht rückte Freitag in die Rolle eines Hoffnungsträgers. In rund zwei Wochen beginnt die Vierschanzentournee, das ideale Timing also, einen weiteren, potenziellen Star aufzurufen. Von Severin Freund wird ja schon einiges erwartet. „Bei uns steht das Telefon nicht mehr still“, sagte Tournee-Geschäftsführer Stefan Huber.

Aber noch ist Freitag nicht mehr als ein großes Talent mit vielen Perspektiven. Im deutschen Verband waren sie ohnehin sicher, dass er den Sprung nach vorne schafft. „Er ist ein Vollprofi, er hat eine sehr gute Einstellung“, sagt auch Ronny Kaiser, der Generalsekretär des Sächsischen Verbands, der Freitag kennt, seit der ein Kind war. „Er setzt sehr gewissenhaft um, was die Trainer sagen.“ Als 15-Jähriger hatte Richard Freitag die Disziplin gewechselt, aus dem Kombinierer wurde der Spezialspringer.

Die Trainer haben ihn kontinuierlich aufgebaut. Bei der Vierschanzentournee 2009/2010 belegte er in der Gesamtwertung noch Rang 36, er war der Mann hinter den deutschen Stars. Doch schon da fiel er auf, weil er sowohl technisch sauber springt als auch athletisch wirkt. Dass einer in beiden Punkten Stärken hat, ist nicht so häufig. Beim Sommer-Grand-Prix 2011 stand er schon zweimal auf dem Podium. Beim Weltcup-Springen in Lillehammer vor einer Woche war Freitag Zweiter geworden.

Jetzt gibt es sogar Leute, die von Freitags Sieg bei der Vierschanzentournee träumen. Das ist gefährlich, es setzt einen unter Druck, der gerade erst zur Weltspitze Kontakt aufgenommen hatte. Freitag ist Weltcup-Sieger, aber er ist noch kein Siegertyp.

Doch hier geht’s nicht um Logik, hier geht’s um Gefühle. Eine zeitliche Lücke füttert die Sehnsucht. Der letzte Tour-Sieg eines Deutschen ist zehn Jahre her, Sven Hannawald hatte damals gewonnen. Jener Hannawald, den der kleine Richard Freitag im Fernsehen gebannt verfolgt hatte. Seinetwegen hat er sich mit seinem Bruder zum Skispringen angemeldet. Hannawald ist im Erlabrunner Krankenhaus geboren worden, wie Richard Freitag und Olympiasieger Jens Weißflog.

Breitenbrunn, das Heimatdorf, das ist Freitags Anker. Er wohnt zu Hause, er wird im Januar in der Nähe in eine Sportförderkompanie einrücken. Und irgendwann soll das Medizinstudium folgen. Bodenständigkeit demonstriert Freitag bei jeder Gelegenheit. Zur Sportlerehrung 2011 des Sächsischen Verbands in Bärenstein bei Oberwiesenthal war natürlich auch Richard Freitag eingeladen. Der hatte am Abend zuvor einen Termin in Magdeburg, sein Terminkalender ist voll. Aber am nächsten Morgen setzte er sich ins Auto und fuhr nach Bärenstein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar