Sport : Fliegst du noch oder lebst du schon

Ein Versuch, die besondere Faszination der Vierschanzentournee zu erklären

Wolfram Eilenberger

Dass Menschen so etwas tun, versteht sich nicht von selbst. Da gibt es im Herzen Europas unter jungen Burschen beispielsweise den Brauch, sich zur Begrüßung des neuen Jahres, mit neugierig geräkeltem Hals und breit gespanntem Körper, so weit wie möglich in die Tiefe zu stürzen. Seit einiger Zeit werden die Akteure dafür reichlich entlohnt, doch bleibt solcher Zusatz dem Kern ihrer Tätigkeit vollkommen äußerlich. Denn eigentlich handelt es sich bei den insgesamt vier Springen der deutsch-österreichischen Vierschanzentournee um eine Tradition von seltener Schönheit und Komplexität, die in ihrer Gesamtheit unschwer als kalendarisch gebundener Ritus der Schwelle und des Übergangs auszumachen ist.

Die soziale Funktion solcher Übergangsriten bringt es dabei mit sich, dass die Anzahl der engagiert Teilnehmenden von dem Grad der mit diesem Übergang verbundenen Ängsten und Unsicherheiten abhängt. In den letzten Jahren war ein auffälliger Zuwachs des Interesses zu beobachten, ja, das Ausmaß empfundener Verunsicherung ist augenscheinlich so drängend geworden, dass mittlerweile nahezu die ganze Nation live „mit dabei sein“ will, wenn unsere Knaben sich frohen Todesmutes in das neue Jahr werfen. Komme, was wolle, diese wenigen jedenfalls scheinen keine Zukunftsangst zu kennen. Jubel und Bewunderung sprengen bislang bekannte Grenzen.

Der Ritus der Vierschanzentournee ist heute zum gnadenlos authentischen RTL- Kult geworden, seine eigentliche Funktion allerdings scheint nach wie vor intakt. So bedeuten die Vierschanzenspringen weit mehr als eine gängig willkommene Ablenkung von erkannten Herausforderungen. Vielmehr scheint das Skispringen die grundmenschliche Übergangsnot, freilich mit spezifisch sportlichen und damit nonverbalen Mitteln, ganz direkt zu thematisieren. Besteht doch die eigentümliche Herausforderung und Problematik dieser Sportart vor allem in der produktiven Meisterung von höchst kritischen Übergangsmomenten (Anlauf/Sprung/Flug/Landung). In der kontinuierlichen Überführung einer Bewegungsphase in die nächste liegt die spezifische Anziehungskraft und gleichzeitig das tiefe Rätsel des Skispringens.

Es hat deshalb seinen guten Grund, weshalb wir in der liminalen Phase des Jahreswechsels – das Alte stirbt und das Neue ist noch nicht recht geboren – so erwartungsfroh gen Springerhimmel blicken. Denn gerade in dem sensibel besinnlichen Zeitraum der Vierschanzentournee bietet sich ein formvollendeter Skisprung als konkret verkörperte Antwort auf die Frage an, wie die Anlaufgeschwindigkeit und Ereignisfülle des Vergangenen beim unvermeidlichen Sprung in die Zukunft möglichst wirkungsvoll fruchtbar zu machen wäre. In der Kontinuität des gelungenen Sprungprozesses zeigt sich also tatsächlich ein Modell zur bereichernden Gestaltung auch der eigenen Erfahrungsübergänge. Glaubt man den Zeugnissen der Springer, erreicht solch ein rundum gelungener Sprung seine eigentliche Bestimmung nicht erst mit einer gestandenen Großweite, sondern in der ein solches Ergebnis bedingenden und augenscheinlich schwer zu artikulierenden Erfahrung, die sich einstellt, wenn man, wie es dann heißt, „ins Fliegen kommt“.

Und ganz offensichtlich handelt es sich in diesen Momenten höchster Erfahrungsintensität, wenn die Gegenwart durch die Vergangenheit neu bestärkt und in das Bestehende durch die Zukunft belebt wird, um einen Zustand, dessen beglückende Schwebe sich durchaus „nicht erzwingen“ lässt, sondern sich im Gegenteil nur dann in der ungebrochenen Kontinuität des Ablaufes einstellt, wenn man bei aller Fokussierung „die nötige Lockerheit“ und Offenheit beibehält, den Ski und damit auch sich selbst am höchsten Punkt der Flugkurve „freizugeben“ und „gehen zu lassen“ und mit dem Widerstand des Windes „zu spielen“.

Gelingt es, zittern nicht nur die Skispitzen vor Glück. Denn in diesem Moment, wenn sich der erfahrungsfroh zum V geöffnete Athlet über den Hügel erhebt, verkörpert sich, wie jeder so gebannte und noch halbwegs wahrnehmungsfähige Zuschauer auch deutlich vernimmt, ein Ideal ästhetischen Erfahrens. Da fliegt ein Mensch! Und über zehn Millionen Menschen „ziehen“ selbstvergessen jauchzend mit. Gerade so, als wollten sie sich, in diesem seltsam unbehaglich gewordenen Zeitraum der Schwelle und des Überganges, gemeinsam versichern, dass derart beglückende Erfahrungen auch für sie in Zukunft möglich bleiben.

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