Sport : Fliegt "Air Canada" genau so hoch wie "Air Jordan"?

Stefan Liwocha

Mittlerweile glauben die Fans der NBA tatsächlich an Geschenke des Himmels. Michael Jordan war so eins. Jetzt wurde ein weiteres Überraschungspaket in die Wohnzimmer geliefert. Millionen Menschen verfolgten am vergangenen Sonntag am Fernsehschirm die Geburtsstunde eines neuen Basketball-Heroen. Der Fernsehsender NBC muss geahnt haben, dass zur besten Sendezeit etwas Großes passieren würde. Kurzfristig hatte der Sender den Programmplan geändert, damit die Toronto Raptors um ihren Jungstar Vince Carter erstmals in dieser Saison landesweit zu sehen sind. Dann hob der Mann, den sie liebevoll "Air Canada" nennen, tatsächlich ab und erzielte 51 Punkte in eindrucksvoller Manier. Saisonrekord.

In den Highlights der Sportsendungen wurden die letzten 47 Sekunden der Partie gegen die Phoenix Suns unzählige Male wiederholt. Wie Carter zwei Verteidiger austanzt, mit einem Korbleger das 103:99 (Endstand 103:102) erzielt und damit die 19 800 Fans im Air Canada Centre in Ekstase versetzt. Auch seine Mutter feiert den 51. Punkt mit Ovationen. "Ich wollte es nicht zeigen, aber ich habe mich wie ein kleines Kind gefühlt", gestand der Basketballer später, "und als ich hinüber zu meiner Mom sah, dachte ich, sie flippt auf ihrem Stuhl aus." An diesem denkwürdigen Abend geschah aber noch mehr. Carter empfahl sich ernsthaft als Thronfolger von Michael Jordan.

"Like Michael, like Vince", titelte "USA today". Andere Blätter umschrieben Carters Leistung euphorisch mit "Jordanesque". Es gibt weit mehr Parallelen als nur das "Air" im Künstlernamen. Beide sind gleich groß (1,98 Meter) und gingen in North Carolina aufs College. In ihrer ersten NBA-Saison wurden beide zum "Rookie des Jahres" gewählt. Darüber hinaus rasiert Carter wie Jordan seine Kopfhaare und ist ein Garant für akrobatische Flugnummern. Das renommierte Magazin "Sports Illustrated" widmete dem neuen Überflieger das Titelbild und schrieb: "Es hat den Anschein, als wäre seine Airness durch eine Kopiermaschine gekommen."

Dabei gefallen Carter die ständigen Vergleiche mit Jordan nicht. "Aber es gibt für mich derzeit kein Entkommen", meint der 23-Jährige, "es ist zwar ein großes Kompliment, aber ich möchte lieber meine eigene Persönlichkeit zum Tragen bringen. Dabei hat mir das All-Star-Wochenende nicht gerade geholfen." Beim Treffen der besten Spieler der NBA vor drei Wochen in Oakland landete der Youngster, der bei der Wahl die meisten Stimmen der Fans erhielt, bereits im Vorprogramm einen Volltreffer, als er den Dunking-Wettbewerb gewann.

Lange wurde gerätselt, welcher junge Spieler nach dem Abgang von Jordan die NBA ins neue Jahrtausend führen würde. Die Namen Grant Hill (Detroit), Tim Duncan (San Antonio), Kevin Garnett (Minnesota) und Kobe Bryant (Los Angeles Lakers) machten die Runde - doch Carter hat sie längst überholt. "Die junge Legende wächst und wächst", sagt Raptors-Coach Butch Carter, "dabei hat er erst 60 Prozent seines Leistungspotenzials erreicht." Erst 60 Prozent? Mit durchschnittlich 24,8 Punkten pro Spiel ist der neue Held bereits auf Rang sechs der Scorerliste. Darüber hinaus ist es seiner Leistung zu verdanken, dass sich Toronto in dieser Saison zum ersten Mal im fünfjährigen Bestehen für die Play-offs qualifizieren kann.

Im Eishockey-Mutterland Kanada hat man plötzlich ein Herz für Basketball. Als den in Daytona Beach (Florida) geborenen Forward eine kleine Daumenverletzung plagte, berichteten Torontos Radiostationen im Stundentakt über den Heilungsprozess. Laut Isiah Thomas hat Carter das Zeug, jetzt auch die USA und die Welt zu erobern. "Er braucht nur eine Publicity-Maschine,wie es Nike im Fall von Jordan war", sagt die NBA-Legende.

Bleibt noch die Frage, wie der 23-Jährige den Ruhm verarbeitet. Am dritten Tag des All-Star-Wochenendes hatte Carter vom Rummel die Nase voll. Als ihn Reporter vor Spielbeginn noch einmal interviewen wollten, verschwand er in einen Nebenraum. Es ist einfach sehr schwer, Michael Jordan nachzufolgen.

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