Sport : Flucht aus dem Schatten

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Von Vincenzo Delle Donne

Rom. La storia, die Geschichte, wie Dario Frigo die Polizeirazzia beim letztjährigen Giro d’Italia nennt, spukt immer noch in seinem Kopf herum. Rückblick: In der Nacht zum 7. Juni 2001 klopften die Carabinieri an seine Tür und durchsuchten das Hotelzimmer des Zweitplatzierten, der in Reichweite des führenden Gilberto Simoni fuhr. Sie fanden dabei allerlei verbotene Präparate, darunter ein synthetisches Blutpräparat. Frigo war sofort geständig.

Der Radfahrer versuchte gar nicht erst, die Schuld auf andere abzuschieben: auf Ärzte, Masseure oder andere Mannschaftskameraden. Bei der Vernehmung gab er offen zu, sich einige Male selbst das blutbildende Präparat Epo unter die Haut gespritzt zu haben. Beim Giro habe er dagegen nur das Testosteron-Produkt Androderm und das Blutdopingmittel Emassist benutzt.

Es folgten die fristlose Entlassung durch sein Team Fassa-Bartolo und eine sechsmonatige Sperre. Die Radsportkarriere des 28-Jährigen, die 1995 im Mercatone-Uno-Team begann, schien ein Ende genommen zu haben, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Frigo war der erste italienische Radprofi, der offen zugab, gedopt zu haben: „Ich habe vor Staatsanwälten gesagt, was zu sagen war, und ein Stein ist mir vom Herzen gefallen. Ich will die Geschichte hinter mir lassen und wieder der Alte werden!" Doch kaum war die Sperre abgelaufen, buhlte ein neuer Rennstall um Frigos Dienste. Nun fährt Frigo für die Tacconi Sport-Tonello. Der Radsport soll für den Lombarden auch eine Art Resozialisierungsmaßnahme sein. Wenn das klappt, könnte Frigo ein Vorbild für Jan Ullrich sein, der am Wochenende nach seinem Drogen-Geständnis versprach, „von ganz unten wieder nach ganz oben“ zu fahren.

Der Chef des internationalen Radsportverbandes, Hein Verbruggen, hat sich für Frigos Comeback stark gemacht. „Ich glaube, Frigos Lieferanten haben ihn praktisch reingelegt, das Mittel wäre gar nicht wirksam gewesen, wenn er es genommen hätte“, verteidigte ihn Verbruggen. Auch diese Worte führten dazu, dass Frigos Sperre um einen Monat verkürzt wurde.

Die Tour de France, an der fünf italienische Mannschaften teilnehmen, ist für Frigo zur Feuerprobe für ein Radfahrerleben ohne Doping geworden. „Ich habe so viel Lust auf die Tour und darauf, meinen n reinzuwaschen“, erklärt Frigo. Ob der Zeitfahrspezialist das härteste Etappenrennen der Welt ohne die üblichen „Hilfsmittel“ übersteht, bleibt aber fraglich. Denn noch beim letzten Giro d’Italia erklärte er mit entwaffnender Natürlichkeit: „Mir ist bewusst geworden, dass ich kein Fahrer für ein dreiwöchiges Rennen bin.“

Heute denkt Frigo anders. Er weiß, dass die Hoffnungen der italienischen Radsport-Tifosi auf ihm ruhen. Das Umdenken bei den Fans beruht auf seinem Erfolg bei der italienischen Meisterschaft. Dort gewann er den nationalen Titel im Zeitfahren.

„Armstrong ist von einem anderen Stern“, sagt Frigo mit Blick auf den Tour-Favoriten. Doch Frigo gibt sich kämpferisch. „Ihr könnt sicher sein, dass ich angreifen werde, wenn ich keine physischen Probleme habe.“ Es ist nach 1997 seine zweite Teilnahme an der Tour. Frigos Zielvorgabe ist eindeutig: „Ohne Pantani, Simoni und Casagrande werde ich versuchen, Italien in Ehren zu halten.“ Beim Prolog erreichte Frigo mit einem Abstand von nur acht Sekunden auf Lance Armstrong den siebten Platz. Bei der ersten Etappe am Sonntag wurde er Achter. All das lässt hoffen – ihn und die italienischen Radsport-Fans.

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